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Frankfurter Zeitung 10.12.1918 : Wie es zum Matrosenaufstand in Kiel kam

  • -Aktualisiert am

Eine Gruppe bewaffneter Arbeiter und Soldaten in Kiel im November 1918 für einen Fotografen. Bild: Picture-Alliance

Die Stimmung der Matrosen ist schon seit geraumer Zeit angespannt, im November entlädt sie sich schließlich in Kiel. Ein Augenzeugenbericht.

          Durch Gespräche und Bemerkungen, die ich täglich mit anhören mußte, ersah ich, wie wenig doch das Publikum über die Beweggründe Bescheid weiß, die schließlich zu den Vorgängen in der Hochseeflotte führten, welche von da aus auf die gesamte Marine übergriffen und den Anstoß zur politischen Revolution gaben.

          Linienschiffe wie Panzerkreuzer waren in den letzten Monaten durch Schutzfahrten für unsere Minensucher, die täglich neue Fahrtstraßen frei machen mußten, sehr in Anspruch genommen worden. Es war ein eintöniger, doch kein leichter Dienst, ach die Grippe hatte kein Schiff verschont. Daß die Stimmung der Besatzungen, die zum größten Teil vier Jahre an Bord waren, keine glänzende war, läßt sich denken. Ich habe aus manchem Munde zu hören bekommen: was wollten da unsere Feldgrauen sagen! Es sollt es sich aber jeder überlegen, wie schwer es ist, vier Jahre unter immer denselben Mühsalen und Gefahren zu leben, mit genügender Zeit, um sich jede Gefahr ausmalen zu können, mitunter wochenlang mit keiner anderen Verbindung mit Land als durch die Post. Die vornehmste Pflicht aller Offiziere wäre es nun gewesen, es den Mannschaften, im Hafen und auf See, nicht unnütz schwer zu machen, bis auf einige rühmliche Ausnahmen war aber das Gegenteil der Fall. Das Exerzieren wurde immer und immer wieder durchgekaut. Freizeit stand oft bloß auf dem Papier. Ungerechte Disziplinarstrafen, Einschränkungen und Schikanen im Hafenurlaub nahmen überhand.

          Daß wir kein Friedensessen bekommen konnten, wußten und verstanden wir alle, daß die Offiziere aber jeden Tag Braten und Nachtisch (Kuchen usw.), Sonntags sogar zwei Gänge, aßen, Alkohol und Rauchwaren in großen Mengen hatten ohne die anderen Spezialitäten, verstanden wir nicht. Sie, die unsere Führer waren, hatten uns auch darin vorangehen sollen, aus sich selbst heraus Einschränkungen sich auferlegen sollen, wußten sie doch, wie die Heimat darbte und wie ihre Mannschaften über die Verpflegung klagten. Doch nichts wurde getan. – Alles dies trug dazu bei, die Mißstimmung unter den Mannschaften auf das höchste zu treiben.

          Wir lagen am 31. Oktober wieder einmal auf Voßklap-Reede, zuerst nur unter Geschwader; im Laufe des Tages und Abends versammelte sich so nach und nach die gesamte deutsche Flotte auf der Jade. Es wurde uns bekannt gegeben, daß in der Nacht noch „seeklar“ gemacht werden würde, um im Laufe des kommenden Tages Gefechtsbilder zu fahren. Durch Heimatbeurlaubte, die aus Wilhelmshaven kamen, hatten wir erfahren, daß die Fahrt schon für einen früheren Zeitpunkt geplant gewesen sei, daß aber die im Hafen liegenden Schiffe am Auslaufen verhindert worden seien oder es verweigert hätten. Im Laufe des Abends wurde nun unter den Besatzungen sämtlicher Schiffe bekannt (durch wen und wie, entzieht sich meiner Kenntnis), daß wir die englische Flotte, welche sich mit ihren sämtlichen Einheiten in der Nordsee aufhalte, angreifen sollten.

          „Wir selbst greifen nicht an“

          Der erste Gedanke, der uns allen kam, war: Das ist das Ende unserer Schiffe und von uns allen, und zwar für nichts, als zur Befriedigung des Ehrgeizes einiger Fanatiker. Der zweite Gedanke war: Der Reichskanzler steht im Notenwechsel mit Wilson und wir beginnen eine Seeoffensive, das bedeutet sofortigen Abbruch aller durch die Noten geschaffenen Beziehungen, und der Feind hat einen neuen Kriegsgrund. Dies alles bewirkte eine große Erregung unter den Besatzungen, die natürlich den Offizieren auffallen mußte. Es wurde nun von den Besatzungen einzelner Schiffe folgende Resolution aufgestellt:

          „Greift der Engländer uns an, so stellen wir unseren Mann und verteidigen unsere Küsten bis zum Aeußersten, aber wir selbst greifen nicht an. Weiter als bis Helgoland fahren wir nicht, andernfalls wird Feuer ausgemacht.“

          Daraufhin unterblieb das Auslaufen, und die verschiedenen Verbände nahmen ihren alten Liegeplatz, bewz. Ihren Vorpostenplatz wieder ein. Unser 3. Geschwader wurde zur Erholung nach Kiel befohlen. Auf den meisten Schiffen ging alles glatt ab, die Kommandanten gaben ihre Versicherung, daß kein Schiff und Menschenleben unnütz aufs Spiel gesetzt würde. Doch auf einem Schiff unseres Geschwaders wurden Verhaftungen vorgenommen und die Betreffenden in Kiel an Land gebracht. Ein zur Befreiung derselben veranstalteter Demonstrationszug wurde mit Gewehr auseinandergesprengt. Dies gab den Auftakt zu den Kieler Wirren. Nach den ersten Todesfällen kam die allgemeine Empörung zum Ausbruch. Die Kieler Arbeiter ergriffen nun die Gelegenheit, erklärten den allgemeinen Ausstand und bildeten Arbeiterräte, denen sich Soldatenräte der dortigen Marineteile anschlossen. Diese Bewegung griff rasch auf die gesamte Marine über.

          Aus dieser Darstellung kann jeder sehen, daß wir Matrosen nichts anderes gewollt haben als die Abstellung der Schäden, die unerträglich geworden waren, und die Vermeidung einer wahnsinnigen Verzweiflungstat unserer Flotte. Die Matrosen trifft gewiß keine Schuld an den furchtbaren Bedingungen des Waffenstillstands; unsere Flotte war allezeit gefechtsbereit, und unsere Seefront wäre nie durch Feindesgewalt zusammengebrochen.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 14. Dezember 2018.

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