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Frankfurter Zeitung 13.01.1919 : Die Ordnung siegt in Berlin

  • Aktualisiert am

Verwundete werden während des Aufstandes ins Krankenhaus gebracht. Bild: Picture-Alliance

Der Aufstand von links ist niedergeschlagen. Die meisten Anhänger des Spartakusbundes sind geflohen, trotzdem kann in Berlin von Normalität noch keine Rede sein.

          Aus der Fülle der Meldungen über die Entscheidung, die endlich gefallen ist, geben wir folgende Einzelheiten:

          N Berlin, 12. Jan., 6.15 N (Priv.-Tel.) Die energischen Angriffe der Truppen haben gestern zu einem vollen Erfolg geführt, sodaß der Aufstand in Berlin in der Hauptsache als erledigt gelten kann. Die Eroberung des „Vorwärts“-Gebäudes hatte zunächst zur Folge, daß das Ullstein-Gebäude von den Aufständischen bei Beginn der Dunkelheit geräumt wurde. Sie flüchteten mit schweren Maschinengewehren und allerlei geraubten Gütern über die Dächer der Markgrafen- und Charlottenstraße. Als dies gemerkt wurde, drangen die Truppen in das Gebäude ein und faßten dort noch einige von den Aufrührern ab. Ziemlich leicht gestaltete sich die Wiederbesetzung des Gebäudes des Wolffschen Telegraphen-Bureaus. Man fand dort u. a. drei Lastautos und gegen 30 Maschinengewehre. Die Besatzung ergab sich ohne Widerstand; einem Teil gelang es, zu entkommen. Das Verlagshaus Scherl wurde von den darin befindlichen Marineleuten, die sich überhaupt nicht am Kampf beteiligt hatten, ohne weiteres übergeben. Die Besatzung ließ man laufen, nachdem man ihr die Waffen abgenommen hatte.

          Am längsten hielten sich die Aufständischen im Verlagshaus Mosse. Offenbar um Zeit für die Flucht zu gewinnen, hatten die Aufständischen hier Uebergabeverhandlungen eingeleitet, denn schließlich, als man sich zur bedingungslosen Uebergabe bereit erklärte, stellte sich heraus, daß der größte Teil der Besatzung bereits die Flucht ergriffen hatte. Ueber tausend Gewehre und eine große Anzahl leichter Maschinengewehre und Handgranaten fand man noch vor; die schweren Maschinengewehre waren verschwunden. Im Maschinensaal platzten noch nach der Besetzung des Hauses einige Sprengpatronen, die aber keinen Schaden anrichteten. Sonst sieht es in diesem Haus wüst aus. Was hier und anderswo gehaust ist, das waren zum größten Teil keine politischen Kämpfer, sondern Verbrecher. – Bei Scherl ist kein schaden angerichtet worden, bei Ullstein ist er so gering, daß die „B. Z.“ heute wieder erscheinen konnte. Das Gebäude des „Vorwärts“ hat infolge der Beschießung besonderes schwer gelitten, doch hofft der „Vorwärts“, in wenigen Tagen seinen Betrieb wieder an der alten Stätte aufnehmen zu können. – Unter den im „Vorwärts“-Gebäude verhafteten Aufständischen befindet sich der frühere unabhängige Abgeordnete Zubeil und Liebknechts Sohn Paul.

          Der frühere Polizeipräsident Eichhorn hatte sich rechtzeitig in die zu seiner Festung ausgebaute Brauerei Bötzow begeben, hat es schließlich aber doch vorgezogen, den Kampf garnicht erst abzuwarten, sondern ist mit seiner Besatzung unter Mitnahme der Waffen ausgerückt – wohin, weiß man noch nicht.

          Noch keine Sicherheit

          Weitere Kämpfe haben im Laufe der Nacht auch in der Nähe des Bahnhofs Zoologischer Garten am Wasserturm stattgefunden. Beendet sind die Kämpfe noch nicht, aber was sich jetzt noch abspielt, das können nur noch zusammenhanglose Schießereien sein. Um auch diesen ein Ende zu machen, hat die Regierung mit der Entwaffnung der Zivilbevölkerung begonnen. Es wurden bereits gestern Abend die Passanten ganzer Straßenzüge auf Waffen untersucht. Ehe diese Untersuchung nicht planmäßig durchgeführt ist, ist an vollständige Ruhe und Sicherheit natürlich nicht zu denken. Hat man es doch in diesen Tagen erlebt, daß, namentlich in den östlichen Stadtbezirken in der Nähe des Alexanderplatzes und des Schlesischen Bahnhofs, ganze Straßenzüge von bewaffneten Banden heimgesucht und beraubt worden sind. Auch in den westlichen Vororten haben sich diese räuberischen Ueberfälle gemehrt.

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