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Frankfurter Zeitung 14.12.1918 : Mehr Bildung für das Volk

  • -Aktualisiert am

Historische Postkarte mit Blick auf die Volksschule in Ludwigshafen am Rhein. Bild: Picture-Alliance

Wie kann man Bildung der breiten Masse zugänglich machen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Literaturwissenschafter Professor Dr. Julius Petersen in diesem Gastbeitrag.

          Die vorläufigen Richtlinien des preußischen Kultusministeriums fordern einen organischen Zusammenhang des im großen Stil auszubauenden Volkshochschulwesens mit Schule und Hochschulen. Diesem Verlangen wird nicht allein genügt durch eine größere Beteiligung der Hoch- und Mittelschullehrer an dem Lehrbetrieb der bereits bestehenden Volkshochschulorganisationen. Die in Aussicht genommene organische Verbindung kann vielmehr nur hergestellt werden durch Verschmelzung zu einem einheitlichen System, dessen gegebener Mittelpunkt die Universität sein würde. Von ihr als der produktiven Pflegestätte der Wissenschaft müßte eine Ausstrahlung ausgehen, die alle Bildungsschichten des Volkes zu durchdringen hätte, die dabei nicht allein der Universitätsstadt zugute kommen dürfte, sondern einer ganzen umgebenden Provinz und zwar nicht allein den benachbarten Städten, sondern auch der Bevölkerung des Landes.

          Gegen diese ideale Konstruktion läßt sich eine Fülle schwerwiegender praktischer Bedenken ins Feld führen. Die Eignung der Universität zur Führungsrolle kann bestritten werden, weil ihrem gegenwärtigen Zustand alle praktische Erfahrung in Volksbildung fehle und sie gar nicht imstande sei, einen auf gegenseitiges Vertrauen gegründeten Zusammenhang mit den Arbeiterklassen herzustellen. Das dürfte insofern nicht ganz zutreffen, als in den meisten alten Universitätsstädten die Volkshochschule bisher von Universitätslehrern geleitet wurde, ohne daß sie freilich überall eine so tiefgehende Ausbreitung erreichen konnte wie in Frankfurt, wo der Ausschuß für Volksvorlesungen lange vor Gründung der Universität eine mustergültige Organisation geschaffen hatte. Daß keine der bisher bewährten Kräfte und Erfahrungen bei einer neuen Gestaltung in den Hintergrund gedrängt werden darf, ist selbstverständlich.

          Ein weiterer Einwand könnte auf die gewaltige Mehrbelastung der Universitäten hinweisen, die wenigstens für die nächsten Jahre durch die Fortbildung der aus dem Kriege zurückgekehrten Studenten bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch genommen sind. Auch die Befähigung des Universitätslehrers zum Volkslehrer kann ernstlich in Zweifel gezogen werden. Die Exklusivität der Wissenschaft hat ihren tiefsten Grund nicht in der Klassenabscheidung und Ueberhebung des Gebildeten, sondern in der Problematik ungelöster Forschungsausgaben, deren schwebender Zustand eine Vermittlung an breitere Kreise einfach nicht zuläßt. So sehr die allgemeinverständliche Darlegung des Erreichten dem Forscher selbst zur Klarheit und Sicherheit verhilft, so bedeutet dem in ungelöste Probleme Vertieften die Verpflichtung zu populärer Wirksamkeit eine Hemmung seiner stillen Arbeit.

          Vor einem Zwang zur volkstümlichen Lehrtätigkeit wird der Universitätslehrer auch für die Zukunft im beiderseitigen Interesse sowohl der Wissenschaft als der Volksbildung zu bewahren sein. So wenig alle Wissenschaftsgebiete in gleicher Weise der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden können, so wenig sind alle Universitätslehrer in gleichem Maße dazu imstande. Man kann nach der Richtung der akademischen Wirksamkeit drei Typen unterscheiden: den Forscher, den Lehrer, den Redner. Sie werden alle drei gebraucht, wenn auch in einseitiger Reinkultur keiner dieser Typen im Universitätsbetrieb am Platze ist: weder der Nur-Forscher, noch der Nur-Lehrer, noch der Nur-Redner. Jeder Universitätslehrer muß kraft seines Amtes der Dreiheit der Anforderungen aufs beste gerecht zu werden suchen, aber die Veranlagung wird immer einer der drei Richtungen das Uebergewicht geben.

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