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Frankfurter Zeitung 07.09.1918 : Die Zentralmächte beraten über Polens Unabhängigkeit

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Hier nimmt man solche Erwartungen mit einigem Zweifel auf, und auch Prinz Radziwill scheint von seiner Reise nach Wien und Budapest keineswegs den Eindruck mitgebracht zu haben, daß die austropolnische Lösung bereits erledigt sei. Es wäre ferner verfehlt, von den hiesigen offiziellen polnischen Stellen eine sehr entschiedene Ablehnung der austropolnischen Lösung zu erwarten. Es gibt in der polnischen Regierung allerdings Elemente, die für ihre Person einer engen Anlehnung Polens an Deutschland zuneigen; im ganzen aber ist weder die persönliche Zusammensetzung des Kabinetts Steckowski noch seine Situation gegenüber dem Staatsrat und der Bevölkerung derart, daß es zu einer sehr bestimmten und aktiven Politik überhaupt fähig wäre. Dazu sind im Lande wie im Staatsrat die passivistischen Strömungen, die dem polnischen Staat so lange wie möglich gegenüber den Okkupationsmächten eine gewisse Freiheit der schließlichen Entscheidung wahren möchten, zu stark.

Anders wird die Lage in dem Augenblick sein, wo die Zentralstaaten ihre Differenz ausgeglichen haben werden und wo sie dann gemeinsam die Polen werden auffordern können, sich mit ihnen über die abschließende Gestaltung des polnischen Staates und seine Einführung in das europäische Staatensystem zu einigen. Allerdings wird es auch dann an Schwierigkeiten nicht fehlen. Die Bevölkerung ist politisch ungeschult; die schwere Last der Okkupation, die seit drei Jahren auf ihr ruht, war dem Aufkommen und der Konsolidierung einer den Zentralstaaten günstigen Stimmung nicht förderlich; die Spekulationen auf den Sieg der Entente sind keineswegs allgemein aufgegeben, sie haben ihm Gegenteil in den letzten Wochen eine neue Belebung erfahren.

Aber diesen negativen Faktoren steht ein sehr starkes positives Moment entgegen. So mächtig infolge der verschiedenartigsten Kombinationen und Ueberlegungen und angesichts des bisherigen zögernden Tempos der Entwicklung die passivistischen Tendenzen waren: im Grund lechzt das Land nach einer Entscheidung, die es aus der Unsicherheit aller Dinge herausreißt und die ihm die Möglichkeit des selbstständigen Handelns verleiht. Nichts hat auf den Geist der Bevölkerung Polens so lähmend gewirkt wie die Tatsache, daß die Polen während dieses ganzen Krieges im wesentlichen nicht Subjekt sondern lediglich Objekt der Geschehnisse waren; in dem Moment, wo dem Volke endlich die ersehnte Möglichkeit gegeben wird, durch das Eingehen auf eine sich ihm bietende konkrete Lösung Herr seiner selbst zu werden, wird es zur Ausnutzung dieser gegebenen Möglichkeit außerordentlich erstarken. Von dem Inhalt der den Polen vorzuschlagenden Regelung wird es zum guten Teil abhängen, in welchem Grade durch sie die aktivistischen Kräfte des polnischen Volkes geweckt und gefördert werden.

Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 11. September 2018.

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