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Frankfurter Zeitung 03.09.1918 : Riesenbetrug bei der Preußischen Staatsbank

  • Aktualisiert am

Ein Stadtkassenschein über 100 Mark aus dem Jahr 1922. Bild: Picture-Alliance

600.000 Mark sind von einem Konto verschwunden. Abgeschöpft von Dieben, die dem Geldhaus ein Schnippchen geschlagen haben. Es gibt bereits einen Verdächtigen.

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          N Berlin, 2. Septbr. (Priv.-Tel.) Ein anscheinend von langer Hand vorbereiteter Betrug ist bei der Kgl. Seehandlung entdeckt worden. Im Anfang vorigen Monats wurden bei dem Institut 600.000 Mark auf Grund durchaus echt erscheinender Papiere abgehoben. Doch stellte sich jetzt heraus, daß die große Summe Schwindlern in die Hände gefallen war. Unter dem Verdacht an dem Betrug beteiligt zu sein wurde ein 34jähriger Hilfsarbeiter in der Korrespondenzabteilung der Seehandlung namens Guido Rabiger verhaftet. Die Seehandlung hat auf Wiederbeschaffung des Geldes eine Belohnung von 20.000 Mark ausgesetzt.

          Ueber die näheren Einzelheiten des Riesenbetruges wird dem „Lokalanzeiger“ folgendes gemeldet: Anfang August d. J. überwies der Viehhandelsverband Altona zur Gutschrift auf Konto der Schleswig-Holsteinischen Bank in Husum 600.000 Mark. Das die Ueberweisung enthaltende Schreiben wurde unterschlagen, dafür ein anderes gefälschtes untergeschoben, in dem als Gutschriftsempfänger S. Flörsheimer, Edelmetalle, Berlin W. 62, Kleiststraße 42 bezeichnet war. Dieser Betrug war mit so genauer Kenntnis aller banktechnischen Einzelheiten vorbereitet worden, daß er trotz scharfer Kontrollvorschrift zunächst unentdeckt blieb und der Geldbetrag der Firma Flörsheimer, die bei der Staatsbank ein Konto unterhielt, gutgeschrieben wurde.

          Spur nach Frankfurt?

          Unmittelbar nach der Gutschrift am 8. und 9. August hob die Firma Flörsheimer daraufhin den Betrag in zwei Teilbeträgen von 346.000 und 254.000 Mark ab. Beide Beträge wurden auf ihr ausdrückliches Verlangen in bar ausgezahlt, und zwar in Tausendmarkscheinen. Als dieser Tage die eigentliche Gutschriftsempfängerin über den durch die Fälschung auf das Konto Flörsheimer abgeleiteten Betrag verfügen wollte, wurde der Betrug entdeckt. Gegen Rabiger, der das Konto Flörsheimer bearbeitete, sprechen eine ganze Reihe schwerer Verdachtsmomente, doch kann er den Betrag nur mit Hilfe mehrerer Komplizen, die außerhalb der Bank stehen, ausgeführt haben.

          Eine Firma Flörsheimer ist in der Kleiststr. 42 unbekannt, ebenso kennt niemand im Kreise der Edelmetallhändler diese Firma. Anfang Juli d. J. mietete in der Kleiststraße eine Frauensperson für ihren angeblichen Vetter S. Flörsheimer, der aus Frankfurt a. M. zuziehen werde, ein Zimmer und bezahlte es im Voraus. Diese Frauensperson brachte dann einen Briefkasten mit dem Gummistempelaufdruck S. Flörsheimer an der Flurtür des Zimmers an und erschien lediglich, um jeden Morgen diesen Briefkasten, der ausschließlich zur Entgegennahme der Korrespondenz mit der Bank bestimmt war, zu leeren.

          Diese Korrespondenz mit der Staatsbank hielt die Firma S. Flörsheimer in gewandten kaufmännischen Stil. Die Briefbogen tragen den Aufdruck S. Flörsheimer Edelmetalle, Silber, Gold, Platin, Iridium, Paladium und sind mit einem Gummistempel mit den Worten „zur Zeit nur für Heeresbedarf“ überdruckt. Als Sitz der Firma war zunächst Frankfurt a. M. angegeben, dann aber Berlin W. 62, Kleiststr. 42 darunter gedruckt worden. Die Briefe zeigen ebenfalls den Gummistempelabdruck S. Flörsheimer einmal in langer, gerader und mehrerer Male in ovaler Form.

          Mit welcher Vorsicht die Fälscher zu Werke gegangen sind, zeigt der Umstand, daß sie zu den wenigen mit der Bank gewechselten Schriftstücken, wie durch die Kriminalpolizei festgestellt wurde, vier verschiedene Schreibmaschinen benutzt haben, darunter eine Schreibmaschine mit kleiner Frakturschrift.

          Die nächste Ausgabe des historischen E-Papers erscheint am 5.September 2018.

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