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Separatismus in Katalonien : „Die katalanische Regierung handelt trügerisch und illegal“

Seit einigen Jahren wollen die Katalanen sich von Spanien abspalten Bild: dpa

Nachdem sie über Jahrzehnte bloß mehr Autonomie gefordert haben, wollen die Katalanen jetzt einen eigenen Staat. Woran liegt das? Der Historiker Miguel Perfecto spricht im Gespräch mit FAZ.NET über den katalanischen Separatismus.

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          Umfragen zeigen, dass sich viele Menschen in Katalonien mehr als Katalanen denn als Spanier fühlen. Woran liegt das?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Katalanen sind stolz auf ihre Sprache und Kultur. Aber die meisten empfinden katalanisch und spanisch zu sein nicht als Widerspruch. So sehen das nur die beiden Parteien, die die Unabhängigkeit fordern. Und die haben bei den letzten Wahlen 48 Prozent erhalten. Das heißt, nicht mal die Hälfte der Katalanen hat für sie gestimmt. Für diese Leute ist katalanisch zu sein das Gegenteil davon, spanisch zu sein. Dabei ist Spanien ein multinationaler Staat mit Katalanen, Basken, Galiziern und Andalusiern. Und das ist seit Jahrhunderten so. Katalonien war auch nie ein unabhängiger Staat, der irgendwann diese Unabhängigkeit an Spanien verloren hat. Deshalb trägt zum Beispiel der Vergleich mit Schottland nicht.

          Wie unterscheidet sich der katalanische Regionalismus vom baskischen oder galizischen?

          Der baskische Regionalismus war schon immer einer, der nach Unabhängigkeit strebte. Seit seinen Ursprüngen im Jahr 1895, als sich die „Baskische Nationalistische Partei“ gründete, dachten seine Anhänger, dass die Basken keine Spanier seien, sondern einen anderen ethnischen Ursprung hätten. Sie sprachen sogar von der baskischen Rasse. Dieser Gedanke findet in den sprichwörtlichen sieben baskischen Nachnamen Ausdruck, die von einer langen Liste baskischer Vorfahren zeugen.

          Miguel Angel Perfecto García ist Historiker und lehrt an der Universität von Salamanca. Er forscht vor allem zu Nationalismus und Separatismus in Spanien und Europa.

          Und bei den Katalanen und Galiziern ist das anders?

          Ja. In Katalonien und Galizien handelt es sich nicht um ethnisch, sondern um kulturell begründete Bewegungen. Sie fordern Autonomie und Respekt für ihre Sprache, Kultur und Traditionen. Die Unabhängigkeitsbewegung, die von der Partei „Republikanische Linke Kataloniens“ repräsentiert wird, war immer in der Minderheit. Über 15 Prozent der Stimmen sind die nie hinaus gekommen. Das Parteienbündnis CiU, das Katalonien über Jahrzehnte regiert hat, wollte immer mehr Autonomie, aber keine Unabhängigkeit. Das hat sich dann plötzlich geändert und es ist ein neues Bündnis entstanden, das für die Unabhängigkeit eintritt: „Gemeinsam für das Ja“.

          Wie kam es dazu?

          Katalonien ist eine sehr wohlhabende Region, auch deshalb, weil der spanische Staat die katalanische Textilindustrie immer protegiert hat. Ein Teil der Steuern der Katalanen geht an Madrid und an ärmere Regionen wie Andalusien, Galizien und Extremadura – so wie in Deutschland Bayern Geld an ärmere Bundesländer abgibt. Und irgendwann entwickelte sich diese Idee: „Madrid raubt uns aus, wir wollen nicht für die faulen Andalusier zahlen.“ Es ist ein Separatismus der Reichen, ähnlich wie in Belgien, wo das reiche Flandern das arme Wallonien nicht unterstützen will.

          Werden die separatistischen Bewegungen nicht auch vom schwachen Föderalismus in Spanien begünstigt?

          Nicht unbedingt. Wir haben zwar nur ein semi-föderales System mit unterentwickelten Institutionen. Der spanische Senat zum Beispiel ist nicht vergleichbar mit dem deutschen Bundesrat. Denn leider repräsentiert er nicht die autonomen Gemeinschaften Spaniens. Dafür müsste man eine Verfassungsreform durchführen. Aber die katalanischen Separatisten geben sich nicht mit einer Verfassungsreform zufrieden. Sie wollen im Alleingang ihre Unabhängigkeit von Spanien erklären und nicht verhandeln.

          Die derzeit in Spanien regierende Volkspartei hat 2006 gegen ein neues katalanisches Autonomiestatut geklagt. Als sie 2010 in Teilen Recht bekam, haben die Unabhängigkeits-Demonstrationen in Katalonien starken Zulauf bekommen.

          Natürlich hat die Regierung von Ministerpräsident Rajoy mit ihrer Unnachgiebigkeit auch eine gewisse Verantwortung für die verfahrene Lage. Aber es gab gleichzeitig auch nie eine wirkliche Verhandlungsbereitschaft vonseiten der Katalanen. Im Gegensatz zum Beispiel zu Schottland, wo das schottische Referendum, sein Zeitpunkt, Wortlaut und verfassungsrechtliche Bedenken über zwei Jahre mit der britischen Regierung verhandelt wurden. Katalonien hat hingegen einfach gesagt: Wir machen ein Referendum.

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          Am 9. November 2014 wurde aber doch bloß eine unverbindliche Volksbefragung anstelle eines Referendums durchgeführt.

          Ja, aber das war eine Trickserei. Das hat die katalanische Regierung bloß gemacht, weil die spanische Verfassung, so wie die Verfassungen der meisten Länder, ein Referendum dieser Art verbietet. Eine Region kann nicht auf eigene Rechnung entscheiden, ob sie sich unabhängig machen will. Darüber müssen alle Bürger des Landes entscheiden können. Deshalb hat die Regierung Kataloniens es Befragung genannt und nicht Referendum. Es ist ein Wortspiel. Die Separatisten spielen oft mit Wörtern.

          Zum Beispiel?

          Zum Beispiel beim Begriff des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Darauf berufen sie sich. Aber die UN haben dieses Recht auf Kolonien bezogen. Katalonien ist aber keine Kolonie. Die Menschen dort können das katalanische und das spanische Parlament wählen, Schulbildung und Unterhaltung auf Katalanisch genießen. Es gibt keine Verfolgung oder Unterdrückung. Deshalb ist diese Befragung vom 9. November letzten Jahres betrügerisch, abgesehen davon, dass sie auch für illegal erklärt wurde. Und auch das, was an diesem 9. November beschlossen wurde, nämlich ein einseitiger Fahrplan zur Unabhängigkeit, ist schlicht und ergreifend illegal.

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