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Hirtenbrief : Der Dreiklang des Papstes

„Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen” Bild: dpa

Der Hirtenbrief an die Iren enthält Fingerzeige auf Schwächen der Kirche in aller Welt. Er gibt keine Wege vor, um vergangenes Unrecht zu sühnen und neues Leid zu verhindern. Doch lassen sich aus den Analysen des Papstes klare Vorgaben ableiten. Eine Analyse von Daniel Deckers.

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          Nichts über die Lockerung der Pflicht von Priestern und Ordensleuten zur sexuellen Enthaltsamkeit, kein Wort zu den täglich hinzukommenden Berichten über Geistliche in Deutschland, die Kinder und Jugendliche geschändet und erniedrigt haben, nicht einmal ein Wort zu den ehrabschneiderischen Versuchen, den einstigen Erzbischof von München und Freising Joseph Kardinal Ratzinger als Mitwisser der Umtriebe eines pädophilen Priesters darzustellen. Was Benedikt XVI. über den Zölibat und die Kirche in Deutschland sagen wollte, hat er in den vergangenen Wochen gesagt. Denen noch persönlich entgegenzutreten, die ihm immer nachsagten, er habe sich als Erzbischof von München und Freising kaum um seine Priester und die Belange der Seelsorge gekümmert, ihm jetzt aber nachweisen wollen, er habe genau gewusst, wer in Bayern sein Unwesen trieb, war unter der Würde des Amtes.

          Doch was zählen noch Kategorien wie diese angesichts der wohl schwersten Krise der katholischen Kirche in Deutschland seit Generationen? Was nützt alles Beschweigen, wenn sich die Kirche dem Vorwurf ausgesetzt sieht, über Täter in ihren Reihen lange geschwiegen und Opfer nicht nur nicht zum Reden, sondern womöglich zum Schweigen gebracht zu haben? Gleichwohl: „Der Priester hält den Schlüssel zu den Schätzen des Himmels; er ist es, der die Tür öffnet; er ist der Statthalter des guten Herrn, der Verwalter seiner Güter“, heißt es auch in Benedikts Brief an die Katholiken Irlands. Eine Verhöhnung der Opfer?

          Genau wegen dieses „Mysteriums des Priestertums“ nennt der Papst das, was Hunderte Geistliche in Irland Zehntausenden Kindern und Jugendlichen angetan haben, beim Namen: Verbrechen, Sünde. Deswegen stellt sich der Papst vor der Weltöffentlichkeit dem Leid der Missbrauchsopfer und ihrer Familien und hebt nicht nur die Verantwortung der Täter hervor. Deswegen lenkt er den Blick auch auf das Versagen von Vorgesetzten und von kirchlichen Strukturen, die Sünde und Verbrechen begünstigten.

          Konzeption eines Täter-Opfer-Ausgleichs

          Nur Zyniker können hinter Worten wie „Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen“ einen kaltschnäuzigen Machiavellisten am Werk sehen. Nur bornierte Rechthaber können meinen, der Papst bagatellisiere die Risiken der priesterlichen Lebensform, wenn er den Geistlichen, die sich an Schutzbefohlenen vergangen und das Vertrauen ganzer Familien missbraucht haben, vorhält, sie müssten sich dafür vor dem allmächtigen Gott wie vor den zuständigen Gerichten verantworten. Benedikt beschönigt auch nicht das Verhalten jener Gruppe von Geistlichen, die sich allzu gern mit allen Attributen der Macht in der Kirche schmückt: der Bischöfe. Ihnen gilt die Aufzählung der Ursachen, die die Vertrauenswürdigkeit der katholischen Kirche in womöglich unumkehrbarer Weise unterminiert haben: unzureichende Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben, unzureichende Ausbildungsstandards in Seminaren und Noviziaten, eine fehlgeleitete Sorge um den guten Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, das Versagen bei der Zusammenarbeit mit staatlichen Strafverfolgungsbehörden und der kircheninternen Sanktionierung der Verfehlungen.

          Diese schonungslose Anamnese der Pathologien des Bischofsamtes gilt nicht allein der Kirche in Irland. Sie muss als Raster zur Vermessung der strukturellen Schwächen der Kirchen weltweit gelesen werden. Und sie fällt zurück auf die Auswahlverfahren der Bischofskandidaten in den einzelnen Ländern und die darauf aufbauende Ernennungspolitik der Päpste. Kaum einer ist heute Bischof, der nicht von ihm oder seinem Vorgänger Johannes Paul II. ernannt worden ist. Daran rührt Benedikt in dem Brief an die katholische Kirche in Irland wohlweislich nicht.

          Ebenso wenig gibt der Papst die Wege vor, die die Kirche in Ländern wie Irland oder Deutschland gehen muss, um vergangenes Unrecht zu sühnen und neues Leid, so gut es geht, zu verhindern. Doch lassen sich aus den Analysen des Papstes und den Erfahrungen der Kirchen in Nordamerika und England klare Vorgaben ableiten. Sie reichen von für alle Bischöfe und Ordensgemeinschaften verbindlichen Standards der Priesterausbildung über den Bruch mit der lange Zeit verbreiteten Praxis, sich mehr um die Täter als um die Opfer zu sorgen, bis zu der Einrichtung von Anlaufstellen, die personell wie institutionell von der Kirche unabhängig sind. Es ist höchste Zeit, die Aufarbeitung der Geschehnisse nicht länger der Auskunftsfähigkeit und der Anzeigebereitschaft der Opfer und den Recherchekapazitäten von Medien zu überlassen.

          Diese unabdingbare Aufgabe wie auch die Konzeption eines Täter-Opfer-Ausgleichs wären bei einer Kommission, die in ihrer Zusammensetzung wissenschaftlichen Sachverstand mit persönlicher Integrität und gesellschaftlicher Autorität verbindet, weit besser aufgehoben als an einem zum Tribunal über die Kirche umgewidmeten „runden Tisch“. So könnte der Dreiklang des Papstes „Heilung, Erneuerung und Wiedergutmachung“ auch in Deutschland Programm für eine Reform der Kirche an Häuptern und Gliedern werden.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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