https://www.faz.net/-gpf-pzr8

Hilfe nach der Flutwelle : Keiner gibt soviel wie Japan

Japan leistet seinen Nachbarn aber nicht nur finanzielle Hilfe Bild: AP

Ministerpräsident Koizumi stellt sich als „asiatischer Partner“ dar und bietet den Regionen 500 Millionen Dollar sowie Hilfe beim Bau eines Frühwarnsystems. Doch die Hilfszusagen sind nicht ganz ohne Hintergedanken.

          3 Min.

          Die mit Abstand größte Summe an Hilfsmitteln stellt Japan zur Verfügung. 500 Millionen Dollar werde die Regierung den von der Flutkatastrophe betroffenen Ländern und internationalen Organisationen zukommen lassen, teilte Ministerpräsident Junichiro Koizumi am Wochenende mit.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das war am Tag nachdem die amerikanische Regierung ihre Hilfe um das Zehnfache auf 350 Millionen Dollar erhöht hatte. Auch Japan hatte zunächst eine geringere Summe in Aussicht gestellt, nämlich 30 Millionen Dollar. Die von Tag zu Tag dramatischeren Berichte über das Ausmaß der Katastrophe dürften in Tokio jedoch - wie in anderen Industrienationen auch - die Einsicht gefördert haben, daß noch viel mehr Unterstützung notwendig ist, als es anfangs schien.

          Unglück in der Nachbarschaft

          Für Japan, das nach offiziellen Angaben bisher 20 Todesopfer zu beklagen hat, ist die Flutkatastrophe mehr als eine Flut in fernen Urlaubsparadiesen. Es ist ein Unglück in der Nachbarschaft, von dem Länder betroffen sind, mit denen Japan nicht zuletzt wirtschaftlich verbunden ist. So hob Koizumi hervor, daß er bei der internationalen Hilfskonferenz, die am Donnerstag in der indonesischen Hauptstadt Jakarta stattfinden soll, die japanische Verantwortung als „asiatischer Partner“ zum Ausdruck bringen wolle.

          Eine gewisse Empathie dürfte auch dadurch entstehen, daß Japan selbst immer wieder Opfer von großen Naturkatastrophen gewesen ist. Nicht von ungefähr tragen die Flutwellen, die jetzt so viele Länder in Süd- und Südostasien verwüstet haben, einen japanischen Namen. Der letzte große Tsunami, der Japan heimsuchte, tötete im Jahr 1896 mehr als 26.000 Menschen.

          Technische Hilfe bei Warnsystem

          Daß Japan als einziges asiatisches Land über ein Frühwarnsystem gegen die Wellen verfügt, will Koizumi nun den Nachbarländern zugute kommen lassen. Er versprach technische Hilfe beim Aufbau eines Warnsystems für die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans. Für erste Schritte könnte eine UN-Konferenz über Katastrophenhilfe genutzt werden, die am 17. Januar in der japanischen Stadt Kobe stattfinden soll.

          Das japanische System besteht aus einem Netz von faseroptischen Sensoren, das seismische Aktivitäten um die Inseln des Landes herum aufzeichnet und an einen Zentralrechner bei der Meteorologiebehörde meldet. Der Computer erstellt Schätzungen über die erwartete Höhe, Geschwindigkeit und Ankunftszeit von Flutwellen und bestimmt die Gefährdung einzelner Küstenabschnitte. So kann innerhalb von Minuten nach einem Seebeben Alarm gegeben werden.

          Größere Rolle in der Weltpolitik

          Die japanischen Bemühungen fallen in eine Zeit, da die Regierung - ähnlich wie die deutsche - um eine größere Rolle in der Weltpolitik bemüht ist. Unter Hinweis auf seine Volkswirtschaft, die trotz der Krise in den neunziger Jahren immer noch die zweitgrößte der Welt ist, strebt Tokio, ganz wie Berlin, einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an. Außerdem hat das Land sein internationales Engagement in den vergangenen Jahren ständig ausgeweitet. Japanische Soldaten sind in Afghanistan und im Irak stationiert; letzteres war der erste Einsatz japanischer Truppen ohne UN-Mandat.

          Vor einigen Jahren wären solche Entsendungen noch undenkbar gewesen, da die japanische Verfassung den „Selbstverteidigungskräften“ des Landes - eine Armee gibt es offiziell nicht - eigentlich enge Grenzen für Auslandseinsätze zieht. Nach der aggressiven Expansionspolitik des Zweiten Weltkriegs beschränkte sich Japans Rolle im Ausland lange Zeit auf die eines Investors und Entwicklungshilfegebers. Die Flutkatastrophe bietet Koizumi nun wieder eine Gelegenheit, den Willen seines Landes zu größerer Verantwortung zum Ausdruck zu bringen. Ausdrücklich wies er darauf hin, daß nicht nur Hubschrauber und Personal der Feuerwehr in die Unglücksgebiete geschickt werden sollen, sondern auch eine Entsendung von Flugzeugen und Schiffen der Selbstverteidigungskräfte erwogen werde.

          Besonders in Asien wird man dieses Engagement aufmerksam zur Kenntnis nehmen. Denn obwohl Japan in erster Linie ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten ist, gilt das Land auch als Anwärter auf eine Führungsrolle in der Region. Seit mehr als zehn Jahren wird in den Außen- und Verteidigungsministerien Asiens darüber diskutiert, wer die Vormacht im bevölkerungsreichsten Kontinent übernehmen könnte, sollten die Amerikaner diese Rolle einmal nicht mehr ausfüllen können. Als offensichtlicher Kandidat gilt China, dessen Wachstum bei den kleineren asiatischen Staaten Sorgen vor einer Dominanz Pekings hervorgerufen hat.

          Auch in Tokio verfolgt man die chinesische Politik des „friedlichen Aufstiegs“ mit Spannung: Erst im Dezember hat das japanische Kabinett neuen verteidigungspolitischen Richtlinien zugestimmt, in denen China erstmals als mögliches Sicherheitsrisiko bezeichnet wird. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Hilfszusagen der beiden Länder in der Flutkatastrophe einen geopolitischen Nebenaspekt. Denn nicht nur Japan ist großzügig. China stellt ebenfalls 60 Millionen Dollar zur Verfügung. Das ist ein stattlicher Betrag für ein Entwicklungsland, das selbst noch Entwicklungshilfe bezieht. Auch hier dürfte - neben humanitären Erwägungen - das Bestreben mitschwingen, eine hervorgehobene Rolle in der Heimatregion zu beanspruchen.

          Weitere Themen

          Wohin mit dem ganzen Geld?

          TV-Kritik „Anne Will“ : Wohin mit dem ganzen Geld?

          Anne Will wollte von ihren Gästen wissen, ob die Milliarden gegen die Corona-Krise richtig investiert werden. Hätte sie in der Sendung ein Phrasenschwein aufgestellt – die Rettungspakete wären gegenfinanziert.

          Topmeldungen

          Milliardenhilfe : Gegenwind für die Lufthansa-Rettung

          Nach langen Verhandlungen einigen sich Bundesregierung und Lufthansa auf ein Rettungspaket aus Steuergeldern. Brüssel sagen die Pläne aber nicht zu. Kanzlerin Merkel will kämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.