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Hilfe für den Wiederaufbau : Der Irak braucht uns jetzt

  • -Aktualisiert am

Eckart von Klaeden wünscht eine deutsch-irakische Handelskammer Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Irak verfügt über die drittgrößten Ölreserven der Welt. Deutschland hat daher ein Interesse an der Region und muß sich an deren Stabilisierung beteiligen. Ein Gastbeitrag von Eckart von Klaeden, dem außenpolitischen Sprecher der Union im Bundestag.

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          Der amerikanische Präsident Bush hat die geostrategische Bedeutung des Iraks im gesamten Nahen und Mittleren Osten und für die Bekämpfung des transnationalen Terrorismus unterstrichen. Was für die Vereinigten Staaten gilt, gilt aufgrund der geographischen Nähe erst recht für Europa und wegen unserer traditionellen Verbindungen zum Irak insbesondere für Deutschland.

          Eine Implosion des Landes würde das politische Gleichgewicht der gesamten Region zerstören. Sie könnte sogar zu einem regionalen Krieg an der Südgrenze unseres Nato-Partners und EU-Beitrittskandidaten Türkei führen und damit zu Beistandsverpflichtungen nach Artikel V des Nato-Vertrags.

          Drittgrößte Ölreserven der Welt

          Dass es neben der offenkundigen politischen Brisanz auch einen existentiellen ökonomischen Aspekt gibt, das wird in der deutschen Irak-Diskussion gerne unterschlagen. Der Irak besitzt die drittgrößten Ölreserven der Welt und hat damit eine zentrale Bedeutung für die globale Energiesicherheit, insbesondere auch die Deutschlands und Europas.

          Da die größten Reserven im Mittleren Osten lagern, wird unsere Abhängigkeit von dieser instabilen Region trotz aller heimischen Bemühungen, mehr Energie zu sparen und die unterschiedlichsten Energiequellen zu nutzen, weiter wachsen. Nicht zuletzt deshalb ist Europa in hohem Maße an der Stabilität des Iraks und der ganzen geopolitischen Schlüsselregion des 21. Jahrhunderts interessiert.

          Geostrategische Langzeitinteressen

          Der Irak muss deshalb bald wieder zu einem bedeutenden Ölproduzenten werden. Schon heute wird irakisches Öl über Leitungen zum südtürkischen Hafen Ceyhan gepumpt und von dort nach Europa exportiert. Ceyhan ist auch Endpunkt der im vergangenen Jahr in Betrieb genommenen Pipeline für Öl aus dem kaspischen Raum. Diese Verbindung nach Europa könnte weiter ausgebaut werden.

          Langfristig besteht dann auch die Möglichkeit, sie mit der geplanten Nabucco-Gaspipeline zu verbinden. Diese Ölleitung soll die EU über die Türkei mit den kaspischen und iranischen Erdgasvorkommen verbinden und so unsere Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen verringern. Kurzum: Es geht im Irak auch um eine an geostrategischen Langzeitinteressen Deutschlands und Europas ausgerichtete Sicherheits- und Energiepolitik.

          Gemeinsam mit unseren EU-Partnern müssen wir uns daher fragen: Wie sollen wir unsere Beziehungen zum Irak in den nächsten fünfzehn Jahren gestalten? Wo können wir zur Stabilisierung und zum nachhaltigen Wiederaufbau des Landes beitragen?

          Betriebswirtschaftliche Ausbildung in Deutschland

          Zunächst sollten wir auf junge Führungs- und Nachwuchskräfte setzen. Ihre technische und betriebswirtschaftliche Aus- und Fortbildung in Deutschland, aber auch in der Region, etwa in Jordanien oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten, ist sicher eine sinnvolle Zukunftsinvestition.

          Daneben müssen wir helfen, die Abwanderung der letzten Jahre aus dem Irak zu stoppen, indem wir junge irakische Akademiker und Fachleute auf die mittelfristige Rückkehr in ihre Heimat vorbereiten. Mit diesen potentiellen Rückkehrern sollten wir gezielt einen Beitrag zum Wiederaufbau des Iraks leisten und im nächsten Jahrzehnt die traditionell engen deutsch-irakischen Wirtschaftsbeziehungen neu beleben.

          Deutsch-irakische Handelskammer

          Wir sollten zügig eine deutsch-irakische Handelskammer aufbauen. Sie könnte zunächst ihren einstweiligen Sitz in Amman nehmen, bis ein Umzug nach Bagdad möglich ist. Diese deutsch-irakische Handelskammer sollte von vornherein über eine Außenstelle in Arbil im ökonomisch florierenden Irakisch-Kurdistan verfügen.

          Damit erhielten viele in Deutschland ausgebildete Kurden, die in ihre Heimat zurückgekehrt sind, an Ort und Stelle einen Ansprechpartner der deutschen Wirtschaft. Die Sicherheitslage lässt das zu: Seit 11. Dezember 2006 fliegt die Austrian Airlines zweimal wöchentlich direkt zwischen Wien und Arbil.

          Wo es aus Sicherheitsgründen möglich und somit zu verantworten ist, sollten wir im Irak unsere stabilisierende Präsenz im Wirtschafts- und im Kulturleben ausbauen. So könnte zum Beispiel in den kurdischen Gebieten auch eine Anlaufstelle des Goethe-Instituts zur Sprachförderung und zur kulturellen Begegnung entstehen. Damit würden wir bereits heute erste Schritte dafür tun, dass das hoffentlich bald wieder aufblühende Zweistromland im 21. Jahrhundert ein guter und stabiler Partner für Deutschland und Europa wird. Immerhin war der Irak einmal unser wichtigster Handelspartner in dieser Region.

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