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Stuttgart : Hier brummt der Integrationsmotor

Ergun Lümali, Betriebsratsvorsitzender bei Daimler Bild: Rainer Wohlfahrt

Stuttgart hat einen sehr hohen Ausländeranteil. Von Problemen hört man in diesem Zusammenhang aber dennoch selten. Die Stadt gilt in Sachen Integration inzwischen als Vorzeigekommune - was läuft hier besser als in anderen deutschen Großstädten?

          Im Vordergrund sieht man das Hinweisschild zur Moschee, im Hintergrund leuchtet in sattem Rot der Schriftzug Bosch auf einem mehrstöckigen gläsernen Bürogebäude. In der Mauserstraße in Stuttgart-Feuerbach kommen sich das Urschwäbische, das ein Unternehmen wie Bosch ausstrahlt, und die Kultur der türkischen Einwanderer ganz nahe.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Auf dem ehemaligen Fabrikgelände ist vor vielen Jahren eine türkische Shoppingmall entstanden - mit der Bäckerei „Metropole“, dem „Diamant“-Kleidungsgeschäft, das Kopftücher für zwölf Euro verkauft, einem Fischstand, einem Supermarkt, Friseuren und verschiedenen Restaurants. Manche Produkte sind eher billig als gut.

          Es gibt aber auch alteingesessene Einzelhandelsgeschäfte wie das Juweliergeschäft der Familie Aralan. Der Vater kam als Goldschmied nach Deutschland, der heute 30 Jahre alte Sohn arbeitet bei Daimler im Controlling - Bilderbuchbildungskarrieren von Einwanderern, wie sie in Stuttgart nicht selten sind.

          Die sechstgrößte Stadt Deutschlands mit dem nach Frankfurt zweithöchsten Ausländeranteil gilt in Sachen Integration als Vorzeigekommune. Zumindest aber als Stadt, die ihre Integrationsprobleme besser gemanagt hat als Hamburg oder Berlin. Das liegt daran, dass Stuttgart überschaubarer ist und dass man Integrationspolitik schon seit 2001 als politische Querschnittsaufgabe begreift. Um Integration sollen sich hier alle Fachämter kümmern.

          Vierzig Prozent Einwanderer

          Frühe Hilfen, Gesundheitslotsen, Jobcenter, Wirtschaftsförderer, Stadtplaner überall gibt es „Kümmerer“, die sich mit dem Thema beschäftigen. Nicht zu unterschätzen sind auch die privaten sowie öffentlichen Stiftungen, die sich für Integrationsarbeit engagieren, und die vielen Ehrenamtlichen, die sich als Lesepaten um Einwandererkinder bemühen. Allein 1500 Bildungspaten gibt es in Stuttgart.

          Schon Manfred Rommel, von 1974 bis 1996 Stuttgarter Oberbürgermeister, erkannte die Bedeutung dieser politischen Aufgabe, sein Nachfolger Wolfgang Schuster (ebenfalls CDU), 2013 aus dem Amt geschieden, sprach gern von der „interkulturellen Stadtgesellschaft“ und erklärte: „Jeder, der in Stuttgart lebt, ist ein Stuttgarter.“ Heute stammen siebzig Prozent der Kinder in den städtischen Kindergärten aus Einwandererfamilien. Vierzig Prozent der Stuttgarter sind Einwanderer. Aber die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist mit vier Prozent nur minimal höher als unter Jugendlichen aus deutschen Familien.

          Beim Gang über die wichtigste Einkaufsstraße Stuttgarts, die Königstraße, muss man lange hinhören, bis man ein schwäbisch schwätzendes Paar vernimmt. Dafür haben „Woischt?“ und „Jetzedle“ in alle möglichen Sprachen Eingang gefunden. Die Maultasche gibt es in Stuttgart schon lange in der Variante „Oriental“ mit scharfer Joghurtsauce, die beste schwäbische Hausmannskost kochen die Sabanoglous am Wilhelmsplatz.

          Prosperität ermöglichte viele Aufsteigerkarrieren

          Die erste Generation schaffte am Band bei Daimler oder in der Gießerei bei Bosch, ihre Kinder haben nicht selten studiert und schauen im Management derselben Unternehmen auf Zahlen oder Konstruktionszeichnungen. Jeder dritte Existenzgründer in der baden-württembergischen Landeshauptstadt kommt aus einer Einwandererfamilie - und es sind keineswegs nur Gemüsehändler. Gerade in den wissensbasierten Zukunftsbranchen macht sich diese Entwicklung bemerkbar.

          Natürlich hat die Stadt auch Integrationsprobleme: Das zeigte im vergangenen Jahr der Prozess gegen arabischstämmige Jugendliche aus dem Vorort Wangen, die für den „Islamischen Staat“ mit der Jagdausrüstung von Frankonia in den Dschihad ziehen wollten. Oder der salafistische Moschee-Verein „Mesdschid Sahabe“, der erst vor wenigen Wochen verboten wurde. Oder die Tatsache, dass noch immer deutlich mehr Jugendliche aus Einwandererfamilien auf der Hauptschule landen als auf dem Gymnasium.

          Unschön ist auch, dass sich fünf Prozent der organisierten Muslime, also eine kleine Minderheit, in äußerst konservativen Vereinen organisieren. Aber die wirtschaftliche Prosperität der Region ermöglichte viele Aufsteigerkarrieren, die oft um ein Vielfaches dynamischer sind als diejenigen alteingesessener deutscher Unterschichtsfamilien.

          In Deutschland fingen alle bei null an

          Vor allem Kinder aus türkischen Einwandererfamilien sind heute dort angekommen, wo sie als Schüler gern hinwollten, sie arbeiten als Anwälte, Ärzte, Unternehmer, Ingenieure und auch Politiker. Die grüne Politikerin Muhterem Aras, der Betriebsratsvorsitzende Ergun Lümali, der Akustikingenieur Abidin Uygun und der Obsthändler Riad Al Salman haben eines gemeinsam: Sie kamen nicht mit den besten Voraussetzungen nach Deutschland, sie kämpften sich nach oben, schafften einen rasanten Bildungs- und Sozialaufstieg und sind heute Teil des südwestdeutschen Wirtschaftswunders.

          Muhterem Aras spricht die Begrüßung bei einer Diskussion des grünen Kreisverbands zum Thema Heimat. Sie steht im Paul-Lechler-Saal des Hospitalhofs, des größten evangelischen Bildungshauses der Stadt. Und sie tut etwas, das eine gebürtige Schwäbin niemals tun würde: Sie spricht ein Selbstlob aus, sie lobt Stuttgart. In der Kultur sei ihre Heimatstadt ja nun mal „Weltspitze“, sagt die türkischstämmige Abgeordnete. 2011 wurde die Steuerberaterin Aras mit 42,5 Prozent und damit mit dem besten Ergebnis aller grünen Angeordneten in Baden-Württemberg in den Landtag gewählt.

          Für die Grünen im Landtag von Baden-Württemberg: Muhterem Aras

          1978 war sie aus Ostanatolien nach Deutschland gekommen. Die Mutter war Analphabetin, der Vater Schafzüchter. Die Familie war tief in den feudal-archaischen Verhältnissen der Türkei verwurzelt. In Deutschland fingen alle bei null an, die Mutter ging putzen, der Vater arbeitete bei einer Aufzugfirma, Muhterem Aras bekam ihr erstes Buch von den Nachbarn, einer schwäbischen Bauernfamilie auf den Fildern, in die Hand gedrückt: „Pucki auf dem Reiterhof“.

          „Offenheit auf beiden Seiten gehört dazu“

          Hauptschulabschluss, mittlere Reife, Wirtschaftsgymnasium, Studium in Hohenheim, Sachbearbeiterin, Steuerberater-Prüfung, kurz darauf Gründung eines eigenen Steuerberatungsbüros mit 60.000 Mark Startkapital. Heute beschäftigt Muhterem Aras zehn Mitarbeiter, und ihre Kunden sind längst nicht nur Deutschtürken. „Ich war die erste selbständige türkischstämmige Steuerberaterin in Baden-Württemberg, das war eine Marktlücke“, sagt Aras. Sie habe schnell erkannt, dass die deutsche Gesellschaft und das Grundgesetz „toll“ seien, es keine bessere Rechtsordnung gebe.

          Aber wie lassen sich neue Einwanderer und Flüchtlinge hiervon am besten überzeugen? „Das ist eine Frage der Haltung und des Vorlebens. Rede ich von Stuttgartern, oder rede ich von Ausländern?“ In Stuttgart habe es sich bewährt, den Ausländerbeauftragten durch einen Integrationsbeauftragten und den Ausländerausschuss durch einen Internationalen Ausschuss mit ausgewählten Mitgliedern ersetzt zu haben.

          Ohne bezahlbaren Wohnraum, ohne ehrenamtliches Engagement, ohne Jobs, ohne das schnelle Erlernen der Sprache könnten Integration und Bildungsaufstieg natürlich nicht gelingen. „Damit Integration funktioniert, gehört Offenheit auf beiden Seiten dazu. Und ich möchte mir nicht ausmalen, wie es wäre, wenn Stuttgart von einer hohen Arbeitslosigkeit gebeutelt wäre.“

          Lümali spricht Honoratiorenschwäbisch

          Ergun Lümali wirft einen Blick auf die Kunststoffverkleidungen, die am Rand des Montagebandes in Halle 46 stehen. Die Karosse einer weißen S-Klasse dreht sich in einem gelben Hängedrehförderer. Zwei Arbeiter beginnen, den Fahrzeugboden von unten auszukleiden. Es geht leise und unaufgeregt zu am Band im Sindelfinger Daimler-Werk. Sauberer Boden, leise Maschinen. Anfang der neunziger Jahre stand Ergun Lümali auch noch am Band.

          Jetzt ist er seit März 2014 Betriebsratsvorsitzender des Mercedes-Benz-Standorts Sindelfingen, des mit etwa 36.000 Mitarbeitern größten in Deutschland. „Habt ihr noch Probleme mit der Ergonomie?“, fragt Lümali die Kollegen am Band. Werner Töppler und Almedina Begicevic schütteln die Köpfe. Mitarbeiter aus etwa 150 Nationen arbeiten im Werk und in der Entwicklung. Viele sind türkischstämmig. Lümali ist Deutschtürke in zweiter Generation, er spricht mit leichtem schwäbischem Akzent - Honoratiorenschwäbisch.

          Sein Vater kam 1968 nach Deutschland, arbeitete 35 Jahre am Band in der Automobilproduktion. Immer neue E-Klasse- und S-Klasse-Modelle liefen hier in den letzten Jahrzehnten vom Band. Die Innovationsfortschritte im Automobilbau waren rasant, und dank des Wohlstands kam auch die Integration der zweiten und dritten Generation der türkischen Einwanderer voran.

          Positive Mitgliederentwicklung auch dank Einwanderern

          Die IG Metall in Deutschland hat heute 400.000 Mitglieder mit Migrationshintergrund, bei 2,27 Millionen Mitgliedern. Sie ist vielleicht die größte Migrantenorganisation Deutschlands, da ist es förderlich, einen Mann wie Lümali an der Spitze eines so wichtigen Werks zu haben. Die positive Mitgliederentwicklung der Gewerkschaft in den vergangenen Jahren hat sie auch den Einwanderern zu verdanken, auch dem Gemeinschaftsgefühl, das viele Türken, Griechen und Italiener zurück in die Massenorganisation brachten. Manche 1.-Mai-Kundgebung wäre ohne Einwanderer glatt ins Wasser gefallen.

          Wie viele Arbeiter mit Migrationshintergrund im Sindelfinger Werk arbeiten, erfasst keine Statistik. Aber man findet sie in den unterschiedlichsten Hierarchieebenen. Es gibt Teamleiter, Abteilungsleiter, Centerleiter. E4, E3 und E2 in der Daimlersprache. Angestellte, Führungskräfte und Akademiker bei Daimler organisieren sich schon seit Beginn der neunziger Jahre bei „Daimler-Türk“, einem betriebsinternen Karrierenetzwerk, das Kontakte zu Hochschulen, Professoren und Studentenorganisationen herstellt.

          Für Lümali und viele seiner Kollegen war es ein langer Weg bis an die Spitze des Betriebsrats. Seine Eltern holten ihn 1970 nach Deutschland. „So begann die Migrationsgeschichte von Lümali.“ Er hatte in der Schule in der Türkei Schreiben und Lesen gelernt. In der ersten Klasse fiel er damit positiv auf, in der zweiten Klasse machten ihm die geringen Deutschkenntnisse sehr zu schaffen.

          „Wir wurden eine Daimler-Familie“

          Doch Lümali hatte Glück, die Eltern wollten schnell dazugehören, sie zogen nicht in eine Arbeitersiedlung zu anderen türkischen Gastarbeiterfamilien, sondern nach Gechingen bei Calw in eine betuliche schwäbische Siedlung, in der die deutschen Familien am Sonntag gewöhnlich Rostbraten mit Spätzle auftischten. „Meine Eltern wollten ein gutes Umfeld, wir wurden dann eine Daimler-Familie.“ Lümali macht den Hauptschulabschluss, lernt Konstruktionsmechaniker, arbeitet am Band, wird Nacharbeiter, Vorarbeiter, Meisterstellvertreter. 1994 wird er zum Betriebsrat gewählt und freigestellt.

          „In der ersten Generation haperte es häufig an der Sprache, wir haben bis 1996 noch sprachbezogene Betriebsversammlungen gemacht, auf Türkisch, Jugoslawisch und Italienisch.“ In der zweiten Generation hätten dann die besseren Sprachkenntnisse und der Fachkräftemangel den Aufstieg und die Integration beschleunigt. „Aus meiner persönlichen Lebenserfahrung kann ich nur raten, die Flüchtlinge sollten hier auf keinen Fall abgekapselt leben. Und sie müssen sich natürlich auch integrieren wollen.“

          Daimler hat für vierzig Flüchtlinge gerade ein Brückenpraktikum als Pilotversuch geschaffen. Flüchtlinge mit Vorqualifikationen, ausgesucht vom Arbeitsamt, bekommen für 14 Wochen einen Einblick in die Daimlerwerke. „Wir sagen unseren Leiharbeitern ganz klar, dass es da nicht um Einstellung geht, dass sie um ihren Job nicht fürchten müssen. Es gibt aber kaum Kollegen, die solche Ängste haben.“

          „Viele begriffen das System gar nicht“

          Lümali schaut noch in der Endkontrolle der Fahrzeuge vorbei. Zwei schwarze S-Klasse-Limousinen, Typ Maybach, werden unter grellem Neonlicht geprüft, bevor sie die ersten Meter selbst fahren. Lümali will Vielfalt nicht verordnen, er will auch nicht, dass Einwanderer bevorzugt werden, „Chancengleichheit“ sei der richtige Begriff. „Es gehört Glück und Engagement dazu, bis man sich als Einwanderer in Deutschland eine sichere Existenz aufgebaut hat. Wer es aber in der Arbeitswelt nicht schafft, wird niemals richtig Fuß fassen können.“

          Abidin Uygun, Bauakustiker am Institut für Bauphysik, Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart

          Abidin Uygun baut einen Kugellautsprecher auf einem Stativ im Hallraum des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik auf. Er stellt eine Deckenplatte, die seine Firma produziert, auf. Dann erzeugt er ein breitbandiges Rauschen und misst mit sechs Mikrofonen, wie stark die Deckenplatte den Schall absorbiert. Der 45 Jahre alte Bauphysiker hatte zahlreiche Hürden zu überwinden, bis er es zum Diplomingenieur gebracht hatte. „Von meinen früheren Schulfreunden schafften es nur wenige, eine akademische Ausbildung zu machen. Viele begriffen das System gar nicht. Sie wollten nur Geld verdienen und unterschätzten das Thema Bildung.“

          Uygun stammt aus einer türkisch-aserbaidschanischen Familie. Der Vater war Hilfsarbeiter bei Daimler; die Mutter ist Hausfrau. Er wird in Deutschland geboren, doch bei den Hausaufgaben können ihm die Eltern nie helfen, auf Elternabenden ist er es, der die Sätze seiner Lehrer übersetzt. Zwar macht er einen guten Hauptschulabschluss, doch Anfang der achtziger Jahre bekommt er keine Lehrstelle.

          Verpacker, Gärtner, Eisverkäufer

          Die Eltern schicken ihn nach Istanbul auf ein Gymnasium. Uygun macht das Abitur in der Türkei. Dann kehrt er zurück nach Deutschland, wird aber an den deutschen Universitäten nicht zugelassen. Er arbeitet als Verpacker, Gärtner, Eisverkäufer im Freibad und in der Küche bei McDonald’s. Schließlich nimmt ihn ein technisches Gymnasium auf, so dass er das deutsche Abitur nachmachen kann. „Wäre ich richtig gefördert worden, hätte ich es früher aufs Gymnasium geschafft, so gab es viele Höhen und Tiefen.“

          Nach dem deutschen Abitur beginnt er zunächst, Bauingenieurwesen zu studieren. Doch an der Massenuniversität findet er sich nicht zurecht und bricht ab. Er will an der Fachhochschule Bauphysik studieren, wird aber mit Verweis auf eine Warteliste abgewiesen.

          Uygun nervt eine Sekretärin so lange, bis man ihn immatrikuliert. Als er das Studium endlich aufnehmen kann, bekommt er bei einem Gemeinschaftsprojekt eine schlechtere Note als sein deutscher Kommilitone. Der Professor sagt: „Sie sind Türke, Sie müssen bessere Leistungen bringen.“ Der Professor will ihn motivieren, aber Uygun ist nur frustriert. Später wird sich der Professor bei ihm entschuldigen.

          „Storyteller“ in Schulklassen

          Um andere Einwanderer zu motivieren, um sie zu guten Bildungsleistungen anzuregen, ist der Ingenieur heute mindestens fünfmal im Jahr in Schulklassen als „Storyteller“ unterwegs. Er erzählt dann seinen mühsamen Weg vom Hauptschüler mit schlechten Deutschkenntnissen zum Bauphysiker. Würde er von seinen Erfahrungen auch im Flüchtlingsheim berichten? „Ja, natürlich kann ich mir vorstellen, da Mentor zu sein. Allerdings gibt es dann ein Sprachproblem, ich spreche kein Arabisch, sondern nur Türkisch.“

          Riad Al Salman nimmt die große Bioland-Papiertüte. „Wollen Sie auch noch eine Gold-Kiwi?“ Die Kundin prüft die reife Frucht mit dem Daumen. „Ja, diese drei. Ich nehme aber auch noch Schwarzwurzeln, die mus i net schäle. Bei Ihnen isch die Qualität am beschten“, sagt die Schwäbin. Al Salman packt die Schwarzwurzeln, zwei Vollkornbrote und die Kiwis in die Tüte - macht 17,30 Euro. Qualität hat ihren Preis.

          Riad al Salman in seinem Bio-Laden in Ostfildern-Kemnat (nahe Stuttgart)

          „Riadieschen“ hat der 50 Jahre alte Syrer seinen Bio-Feinkostladen genannt. Aus dem Ortskern von Kemnat, einer Vorortgemeinde mit etwa 5000 Einwohnern auf der Filderhochfläche südlich von Stuttgart, ist der Laden jedenfalls nicht mehr wegzudenken. Was früher der Tante-Emma-Laden war, ist heute Al Salmans Bioladen. Pastinaken, Bingenheimer Demeter-Saatgut, Naturknacker, Dinkel-Weißbrot, Andechser-Joghurt.

          Einen Deutschkurs hat er nie besucht

          Seit 1991 lebt Al Salman, der aus einer christlichen syrischen Familie stammt, in Deutschland. Seit 2003 führt er den Bioladen, fährt frühmorgens in den Großmarkt nach Stuttgart, schafft bis spätabends in seinem Geschäft. Einen Deutschkurs hat er eigentlich nie besucht, dafür hatte er keine Zeit. Seine Frau ist Schwäbin, stammt aus Bad Urach. „Ich habe die Sprache einfach auf der Straße gelernt.“

          Als er kam, war er 27 Jahre alt, er fand schnell Arbeit als Monteur für ein Küchenstudio. Nach drei Jahren erkannte man seine Ausbildung als Autoschlosser an, Al Salman arbeitete in verschiedenen Kfz-Werkstätten und verdiente schließlich gut am Montageband bei Porsche. Es war die Zeit, als der Autobauer begann, den Cayenne-Motor in Zuffenhausen zu produzieren.

          Irgendwann bekam Al Salman von der Überkopfmontage starke Nackenschmerzen, er stieg aus und baute den Gemüseladen auf. „Ich habe bei Porsche mehr verdient, aber mein Leben war mir wichtiger.“ Drei seiner Neffen sind kürzlich auch aus Syrien geflüchtet. In der Flüchtlingsunterkunft in Plieningen hilft er als Übersetzer aus. Dennoch ist er skeptisch, was die Flüchtlingskrise angeht: „Die Deutschen können nicht die Welt retten. Dreißig Prozent von denen, die sagen, sie seien Syrer, sind es doch gar nicht. Und wir sollten den Muslimen auch nicht unsere besten Teppiche ausrollen.“

          „Fast alle hatten nach drei Monaten Arbeit“

          Die Integration der Flüchtlinge ins Arbeitsleben bereitet Al Salman weniger Sorgen. „Es kommen ja viele mit Abitur. Fast alle, die ich kenne, hatten nach drei Monaten Arbeit und eine Wohnung.“ Dann eilt er zurück an die Theke, ein Kunde will wissen, welche deutsche Apfelsorte am süßesten schmeckt.

          Etwa 5000 Zuwanderer kommen jedes Jahr „netto“ nach Stuttgart, die meisten aus den südlichen Staaten der Europäischen Union. Im vergangenen Jahr hat die Stadt zusätzlich etwa 4000 Flüchtlinge aufgenommen. Kann Stuttgart das verkraften? Lassen sich diese Menschen, größtenteils aus muslimischen Krisenländern, genauso gut integrieren wie Muhterem Aras oder einst Ergun Lümali? Gari Pavkovic sitzt bei Kaffee und Keksen in seinem kargen Büro im Stuttgarter Tagblatt-Turm.

          „Interkulturelles Verständnis von Integration“

          Seit 2001 leitet der Diplompsychologe die damals neu geschaffene Stabsstelle für Integration. „Integration ist immer etwas Gefühltes. Entscheidend ist nicht allein die Realität, sondern vielmehr die Wahrnehmung und die Meinung über die Realität. Integration ist auch etwas anderes als Folklore, wir erwarten von den Einwanderern, dass sie sich für Stuttgart engagieren.“ Wer Integrationserfolge wolle, so Pavkovic, der brauche die Wirtschaft als „Integrationsmotor“ und eine ausgeprägte „Ehrenamtskultur“.

          Den Ansatz der multikulturellen Gesellschaft hält er für überholt, es könne nicht darum gehen, bestimmten Einwanderergruppen Geld zu geben, damit die ihr eigenes Leben in „Little Italy“ oder „Chinatown“ organisierten. „Wir haben ein interkulturelles Verständnis von Integration, wir betonen das gemeinsame Wir. Das heißt, die Einwanderer gehören dazu und engagieren sich in der Mehrheitsgesellschaft.“ Die Flüchtlinge würden im „schaffigen“ Schwaben auf Akzeptanz stoßen, wenn es einen „Ausgleich von Geben und Nehmen“ gäbe. Seine Mitarbeiter würden die Flüchtlinge deshalb um Engagement bitten.

          3000 bis 4000 Flüchtlinge, sagt Pavkovic, seien nur 0,5 Prozent der Stadtbevölkerung. Anerkannt würden Syrer, Iraker und Iraner, die vielfach aus ihren Herkunftsländern gute Bildungsabschlüsse und Berufserfahrung mitbrächten. Etwa ein Drittel der Flüchtlinge seien Kinder und Jugendliche, die den deutschen Schulabschluss machen würden. „In dieser Gesamtbetrachtung wird die Integration der Flüchtlinge in einer wirtschaftsstarken Region wie Stuttgart gut zu schaffen sein.“

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