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FAZ.NET-Countdown : Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

  • -Aktualisiert am

Martin Luther wetterte in 95 Thesen gegen den Ablasshandel und die Verkrustungen der Kirche .Wie viel Thesen die SPD zur Erneuerung braucht, ist nicht überliefert. Bild: dpa

Dem abgesetzten katalanischen Regionalpräsidenten Puigdemont droht eine Anklage, die SPD will wieder erfolgreich werden – und Luther sorgt für einen freien Tag. Das Wichtigste am Morgen im FAZ.NET-Countdown.

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          Ich hoffe, Sie sind gut und unverletzt durch den Herbststurm gekommen, der gestern vor allem den Norden und Osten Deutschlands fest im Griff hatte. Vor Langeoog ist ein 225 Meter langer Frachter gestrandet, das riesige Schiff wieder freizuschleppen, wird eine schwierige Aufgabe. Überall dauern die Aufräumarbeiten an, und erst heute soll sich der Bahnverkehr normalisieren. Ein Glück, dass Brückentag ist und Sie vielleicht zuhause bleiben können. Ansonsten bleibt wohl nur: Gelassenheit.

          Ganz so entspannt dürfte der abgesetzte katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont wohl nicht in die anstehende Woche blicken (er macht allerdings einen ziemlich entspannten Eindruck). Nach dem Unabhängigkeitsvotum im Regionalparlament und seiner Absetzung durch die Madrider Zentralregierung stellt sich die Frage: Wie setzt die spanische Regierung ihre Zwangsmaßnahmen eigentlich durch? Puigdemont und seinen bisherigen Ministern droht möglicherweise schon an diesem Montag eine Anklage wegen „Rebelión“. Geht der harte Kern der Separatisten ins Exil? Ein belgischer Politiker hat sein Land bereits als Zufluchtsort angeboten.

          Identitätsprobleme deutscher Art

          Von solchen Problemen sind wir in Deutschland zwar meilenweit entfernt, aber auch bei uns rücken Begriffe wie Heimat und Identität wieder stärker in den Mittelpunkt, als Nebenwirkung von Globalisierung, Entgrenzung, Mobilität und der Auflösung bestimmter Milieus.

          Ganz konkret üben sich zwei prominente Organisationen in fleißiger Selbstbeschau: Die Sozialdemokraten halten heute ihre zweite Dialogkonferenz zur Kursbestimmung nach der herben Schlappe bei der Bundestagswahl ab. Und welche Stadt eignete sich besser als Leipzig für Aufbrüche aller Art? Zumal Parteichef Martin Schulz, der groß denkt und unbedingt eine Personaldebatte vermeiden will, die in ihren traditionellen Strukturen festgefahrene Partei gleich „programmatisch und organisatorisch neu aufstellen“ will. Wer das Willy-Brandt-Haus kennt, weiß: Das wird nicht einfach. Gute Ratschläge kamen gestern schon per Tweet aus dem stürmischen Norden: Eine „hippe SPD im mittig-modernen Mainstream, bisschen FDP-Sound, ein Schuss Digitalisierung, ein bisschen Grundeinkommen“ lande „unter 20 Prozent“. Ein Sonntagsgruß von Ralf Stegner.

          Apropos hip: Die Protestanten hadern ein wenig mit ihrem Luther-Jahr, weil das Groß-Event unter den Möglichkeiten geblieben war, nimmt man die Besucherzahlen als Maßstab. Allerdings hat die Evangelische Kirche keinen Ralf Stegner oder Johannes Kahrs an Bord, die Selbstkritik fällt also leiser aus. Trotzdem: Theologen wie Friedrich Schorlemmer oder der frühere Leipziger Thomaspfarrer Christian Wolff vermissen Impulse für die Kirche, deren Gemeinden die Mitglieder weglaufen. Oder wie es der FAZ-Kollege Reinhard Bingener in seinem Leitartikel formuliert: „Das Manko einer Religion im Modus der Dauerreflexion ist...ein Mangel an Bindung.“ Gilt das auch für die SPD?

          Der morgige Reformationstag, an dem die Protestanten – und nicht nur die – an Luthers 95 Thesen in Wittenberg erinnern, soll die Bindungskräfte des Protestantismus stärken. Zum offiziellen Festakt reisen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Pfarrerstochter, und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in die aufgehübschte Stadt. Sollten Sie sich nicht gebunden fühlen ans Luther-Gedenken, dann bleibt Ihnen zumindest der freie Tag, in diesem Jahr bundesweit.

          Was sonst noch wichtig ist

          Die künftigen Jamaika-Partner setzen heute ihre Sondierungen fort, unter anderen zu den Themen Digitalisierung, Forschung. Kontroverser dürften allerdings die Gespräche über Rente und innere Sicherheit werden. Wobei: Zweifelt irgendjemand wirklich daran, dass diese Koalition zustande kommt?

          Nicht ausgeschlossen, dass es Anfang der Woche in der Russland-Affäre im Umfeld von Donald Trump zu ersten Verhaftungen kommt. Sonderermittler Mueller hat in den vergangenen Monaten lautlos ermittelt – und nach einem Bericht von „CNN“ und dem „Wall Street Journal“ mindestens eine Anklageschrift vorbereitet.

          Am Dienstag ist übrigens auch Halloween. Sollten Sie derzeit – wie die SPD, Spanien oder die Kirche – in Identitätsdebatten gefangen sein, dann entscheiden Sie sich am besten schnell, ob Sie zu Halloween oder lieber doch ausschließlich zum traditionellen Sankt Martin Süßigkeiten für klingelnde Kinder einkaufen (sofern Sie in Regionen wohnen, wo Martinssingen Brauch ist). Bleiben Sie andernfalls locker – und machen an beiden Tagen die Tür auf.

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