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Helmut Kohl : Europa

Durch das Eintreten für Europa verbunden: Angela Merkel und Helmut Kohl am Dienstag in der Sitzung der Unionsfraktion. Bild: dapd

Es gibt doch etwas, das Helmut Kohl und Angela Merkel verbindet.

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          An diesem Donnerstag feiert die Adenauer-Stiftung den „Kanzler der Einheit“ und den „Ehrenbürger Europas“. Der dritte Ehrentitel, den die CDU Kohl verliehen hatte, ließ sich nicht anfügen, denn Ehrenvorsitzender seiner Partei ist er nicht mehr. Das Niederlegen dieser Würde im Zuge der Spendenaffäre markiert den Tiefpunkt im abwechslungsreichen Verhältnis der Partei zu ihrem ehemaligen Zentralgestirn. Zu jener schwarzen Stunde stieg am Firmament der CDU ein neuer Stern auf, zunächst flackernd noch, jedoch schon damals einer Bahn in die Mitte der Parteigalaxis folgend. In diesen Tagen treffen sie wieder aufeinander, Kohls einstiges „Mädchen“, das mit einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dem Patriarchen die Tür wies, und ihr ehemaliger Entdecker und Förderer, der später einmal gesagt haben soll, diese Frau ruiniere „sein“ Europa.

          Bei aller Verschiedenheit, mit der Kohl und Frau Merkel sich auch diesem Thema nähern: Europa ist das Bindeglied, das ihre Kanzlerschaften miteinander verkettet. Kohl setzte mit seiner lebenslangen Begeisterung für die europäische Einigung und seinen Erfolgen auf dem Weg dorthin Maßstäbe, an denen sich alle nachfolgenden Kanzler messen lassen müssen. In Kohls Amtszeit fielen aber auch europapolitische Entscheidungen, die sich als hochproblematisch für den weiteren Gang des Einigungsprojekts erwiesen haben. Die Kanzlerin hat mit beiden Seiten von Kohls Vermächtnis zu kämpfen: mit dem riesigen Schatten, den Kohl als einer der letzten großen Überzeugungseuropäer aus der Kriegsgeneration immer noch wirft, aber auch mit den Konstruktionsfehlern und Versäumnissen, die man in seinem Schattenfeld nicht sah oder nicht sehen wollte.

          Das Scheitern des Euro bedeutete das Scheitern der Kanzlerin

          Auch für Angela Merkel ist das Projekt Europa zu dem Thema geworden, an dem sich entscheidet, ob sie einmal zu den großen politischen Figuren dieser Republik gezählt werden wird. Über ihren Satz, scheitere der Euro, dann scheitere Europa, kann man streiten. Sicherer lässt sich sagen, dass das Scheitern des Euro auch das Scheitern der Kanzlerin Merkel bedeutete. Mit einem Zerfall der gemeinsamen Währung geriete aber auch Kohls Erbe in Gefahr. Angela Merkel ist, auch wenn das Kohl gegen den Strich gehen mag, seine Testamentsvollstreckerin und Hüterin seines Lebenswerks. Sie wiederum braucht ihn als Verkörperung einer historischen Mission, an der schon manche zweifeln, auch im Unionslager. Frau Merkel fiel mit der Krise eine Aufgabe zu, bei der sie ihre analytischen Fähigkeiten ausspielen und ihrem Pragmatismus freien Lauf lassen kann. Ihre Schwächen liegen da, wo Kohl am stärksten war: beim bis ins Emotionale reichenden Begründen, warum die europäische Einigung immer noch von größter Bedeutung sei. Die Auftritte mit Kohl dienen der Kanzlerin auch dazu, sich wenigstens auf diese Weise in die Linie der großen Erzählung von Europa zu stellen.

          Das trifft auch für die ganze Partei zu. Sie sucht schon lange wieder die Nähe zu Kohl und seinem Traum von Europa, weil die Einigung des Kontinents einer der wenigen programmatischen Fixpunkte ist, die der CDU geblieben sind. Die Partei hat viele Positionen geräumt, aber nie den Anspruch aufgegeben, die europafreundlichste Partei Deutschlands zu sein. Schwierig wird es aber auch für die CDU, wenn unter den Bedingungen der Krise ausbuchstabiert werden soll, was europafreundlich heißt: Hat man dann für oder gegen Eurobonds zu sein? Für oder gegen den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone? Für oder gegen Weidmann? Die Antworten darauf muss die CDU selbst finden, Kohl vermag ihr da aus mehreren Gründen nicht mehr zu helfen. Doch kann er ihr immer noch vor Augen führen, dass große Herausforderungen nur mit Mut, Standfestigkeit und Weitsicht gemeistert werden können.

          Das bewies er am Anfang seiner Kanzlerschaft, als er am Nato-Doppelbeschluss festhielt, der seinen Vorgänger das Amt gekostet hatte; dann im Vorfeld der Wiedervereinigung, als die meisten anderen deutschen Politiker zauderten und viele Verbündete zitterten. Kohl stand vor dem Fall der Mauer politisch vor dem Ende. Wäre er damals, als „Birne“ verspottet, seinen innerparteilichen Gegnern zum Opfer gefallen oder hätte er die nächste Bundestagswahl verloren, dann wäre er in den Geschichtsbüchern in der Kiesinger-Klasse gelandet. Doch dann warfen die Völker in der Mitte und im Osten Europas das Joch des Kommunismus ab, und Kohl zeigte, was wirklich in ihm steckte: ein großer Staatsmann. Diesen Titel erringt man nicht, indem man, so wichtig das ist, Krankenkassen reformiert. Das Feld der Ehre, auf dem Politiker ihre Staatskunst beweisen können und müssen, heißt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs „europäische Einigung“.

          Auf ihm brachte es Kohl bis zum Ehrenbürger. Die Kanzlerin hätte gewiss nichts dagegen, in diesen höchst exklusiven Kreis aufgenommen zu werden. Doch fehlt ihr dafür noch die große politische Heldentat, der Sprung auf die nächste Stufe der Integration. Sie macht, nicht ohne Erfolg, lieber kleine Schritte. Ob man auch so einen Zipfel vom Mantel der Geschichte erhaschen kann, ist offen. Kohl hat die Chancen, die er bekam, Geschichte zu machen, genutzt, im Guten wie im Schlechten, weit überwiegend jedoch zum Wohle Deutschlands und Europas.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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