https://www.faz.net/-gpf-uquu

Heiligendamm : Die „Mustermänner“ vom „schwarzen Block“

„Ohne uns hätte die Polizei zu viel Macht” Bild: dpa

Sie vermummen sich mit Schals, verspiegelten Sonnenbrillen und Baseballkappen. Gewalt halten viele für legitim - und verklären sie unverhohlen: „Wir schützen die Rechte der Demonstranten.“ Philip Eppelsheim über den „schwarzen Block“ um Heiligendamm.

          Am Campeingang von Wichmannsdorf verkündet ein Plakat das, worüber alle - Protestler und Polizisten - dieser Tage rund um Heiligendamm sprechen: „Smash G8“ - zerstöre G8 - steht dort auf einem Laken geschrieben, verziert mit Totenköpfen und zwei schwarzen Gestalten, von denen nur die Augen sichtbar sind. Es sind Gestalten wie jene, die am vergangenen Samstag in Rostock auftraten, Steine warfen und randalierten. Der „schwarze Block“ ist wieder da, heißt es. Er tauchte am 28. Mai bei Demonstrationen gegen das Asien-Europa-Treffen in Hamburg auf, am vergangenen Samstag in Rostock und jetzt rund um Heiligendamm: Eine schwarze vermummte Masse.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die Protestler in den Camps machen sich über das, was „schwarzer Block“ genannt wird, bisweilen lustig. Sie leugnen seine Existenz. Sie sagen, der schwarze Block sei eine Legende. Schon am Dienstagabend trugen Clowns und andere Demonstranten aus dem Camp Wichmannsdorf einen schwarzen Pappkarton in das Ostseebad Kühlungsborn. „Der schwarze Block“ riefen sie, ließen den Karton über ihre Köpfe wandern und sperrten immerhin zwei schwarz gekleidete Demonstranten hinter ein Absperrband. Mehr schwarze Gestalten aus dem Camp nahmen an dem Protestzug nicht teil - anscheinend war das nichts für sie.

          Spiel und Ernst

          Es war nur ein Spiel, doch der Protest ist nun einmal nicht nur friedlich, auch wenn die meisten Demonstranten Gewalt ablehnen. Die Gewalt der Autonomen existiert, das Problem ist nicht zu leugnen. Die geworfenen Steine des „schwarzen Blocks“, das Tränengas und die Wasserwerfer der Polizei - diese Bilder bleiben hängen, nicht die von den friedlichen Protesten und von Deeskalation.

          Der „schwarze Block” in Rostock

          Dass Gewalt von schwarz gekleideten Autonomen ausgeübt wird, haben die Demonstrationen und Straßenblockaden in den vergangenen Tagen deutlich gezeigt. Über Wälder, Felder und Wiesen hinweg, durch Gräben hindurch waren die Protestler von Camp Reddelich aus auf die Zufahrtstraßen nach Heiligendamm gelangt, hatten die Sperrzone durchbrochen und es bis zum symbolträchtigen Zaun geschafft. Mehrere tausend Demonstranten blockierten die Zufahrten, ließen sich auf der längsten Lindenallee Deutschlands nieder, skandierten „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ oder „Wir lassen uns nicht aufhalten“. Doch an der Spitze der Demonstrationszüge liefen die schwarzen Gestalten mit den Kapuzenpullovern, mit den schwarzen Flaggen mit Anarchie-Symbolen und den hinter Tüchern verborgenen Gesichtern.

          Die schwarzen Gestalten, die zum Teil Steine warfen, sorgten dafür, dass am Mittwochabend unisono zu lesen war, dass die Gewalt in Heiligendamm wieder einmal eskaliert sei. Auch wenn die Vorfälle nicht mit denen von Rostock zu vergleichen sind.

          „Wir schützen die Rechte der Demonstranten“

          Der Name „Schwarzer Block“ entstand in den siebziger Jahren, nachdem sich Autonome auf Demonstrationen selbst so nannten. Medien und Politik übernahmen die Bezeichnung. 1981 ermittelte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen Autonome, die in Frankfurt-Nied ein Bahnbetriebswerk besetzt hatten, wegen „Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung schwarzer Block“. Seitdem werden sie so genannt, die schwarzen Gestalten, die zwar erheblich in der Minderheit sind, aber von der linken Szene weitgehend akzeptiert werden. Oft fehlt eine klare Distanzierung.

          Namen will niemand preisgeben. „Herr Mustermann“, wollen drei Norddeutsche genannt werden, die zusammen mit fünfzehn anderen nach Heiligendamm gekommen sind. In Rostock haben sie Steine geschmissen, nun sind sie im Camp Reddelich, um gegen den G-8-Gipfel zu demonstrieren. Der Block sei keine Organisation, sagen sie, sondern eine Art von Protest, die keiner kontrollieren könne. „Warum darf die Polizei sich vermummen und wir nicht?“, fragen sie. Der Polizei werfen sie vor, die Eskalation in Rostock ausgelöst zu haben. Und liefern anschließend ihre Legitimation für ihr Tun: „Ohne den schwarzen Block hätte die Polizei zu viel Macht. Der schwarze Block schützt die Rechte der Demonstranten.“

          Weitere Themen

          G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

          Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

          Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

          Topmeldungen

          Der Faktor Wohnen wird von den meisten Menschen in der Klimadebatte übersehen. Dabei produzieren vor allem Warmwasser und Heizungen große Kohlendioxid-Emissionen.

          Wohnen und Heizen : Das ist Deutschlands Klimakiller Nr. 1

          Kaum jemand will wahrhaben, dass wir mit unseren Wohnungen dem Klima mehr schaden als mit Steaks und Flugreisen. Einige Länder reagieren darauf – während sich die Politik in Deutschland nicht einigen kann.

          Biarritz : Irans Außenminister überraschend beim G-7-Gipfel

          Eine Überraschung für die Teilnehmer: Dschawad Zarif ist in Biarritz eingetroffen. Er werde dort mit Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian zusammentreffen, teilte das französische Präsidialamt mit.
          Taylor Swift möchte ihre ersten sechs Alben eventuell nochmal einspielen.

          Streit um Rechte : Taylor Swift und ihr Master-Plan

          Taylor Swift kämpft zurzeit mit dem Musikmanager Scooter Braun – denn er hat die Rechte an ihren ersten sechs Alben. Nun überlegt die Sängerin, die Lieder einfach nochmal einzuspielen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.