https://www.faz.net/aktuell/politik/hat-hebestreit-es-verdient-von-scholz-angeraunzt-zu-werden-18254988.html

Auf die eigene Kappe genommen: Aber auch ordentlich auf die Mütze bekommen. Bild: Zeichnung Wilhelm Busch

Fraktur : Mächtig auf die Mütze

Was bloß zieht Journalisten auf die dunkle Seite der Macht? Man wird dort ja nur angeraunzt.

          2 Min.

          Eine Kolumne mit einem Namen wie diese hier kommt an der Beschäftigung mit breaking news, die ihren Namen wirklich verdienen, natürlich nicht vorbei. Schon gar nicht, wenn sie sich so häufen wie in dieser Woche. Kaum war bekannt geworden, dass der CDU-Vorsitzende Merz sich das Schlüsselbein gebrochen habe, wurde auch vermeldet, dass der Linken-Fraktionschef Bartsch darüber wohl nur lachen könnte, wenn eine sechsfache Rippenfraktur nicht so wehtäte. Die mit Abstand schmerzlichste und schockierendste Eilmeldung der vergangenen Tage aber kam aus dem Kanzleramt. Dort gab es einen Tabubruch, der nicht mehr mit Gips oder Titanschrauben zu heilen war.

          Wie der legendäre Ritter Winkelried

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Der Eklat ließ die Republik sogar eine Zeitlang vergessen, dass in der Ukraine ein Krieg tobt. Die Holocaust-Äußerung des Palästinenser-Präsidenten Abbas war so unerträglich gewesen, dass es dem empörten Kanzler glatt die Sprache verschlug. Noch bevor er sie wiederfand, hatte Regierungssprecher Hebestreit freilich schon die Pressekonferenz beendet. Für das Versäumnis, nicht sofort den Stab über Abbas gebrochen zu haben, wurde Scholz danach fast so heftig kritisiert wie der Holocaustrelativierer. Hebestreit versuchte, die Lanzen der Kritiker auf sich zu ziehen, etwa so wie der legendäre Ritter Winkelried in der Schlacht bei Sempach. Dass Scholz nichts mehr habe sagen können, gehe auf seine Kappe, sagte des Kanzlers Knappe. Dafür sei er auch gleich vom Chef „angeraunzt“ worden. Das heißt: Es gab mächtig was auf die Mütze.

          Warum machte Scholz nicht Abbas zur Minna?

          Doch auch damit brachte der Regierungssprecher die Kanonen derjenigen, die auf Scholz schossen, nicht zum Schweigen: Was sei denn das für ein Hausherr, der sich vom Personal das Wort entziehen lasse! Und warum habe Scholz seinen eigenen Mann zur Minna gemacht und nicht Abbas, der ja auch noch zugegen war und das doch viel eher verdient gehabt hätte? Wäre es nach Merz gegangen, der mit frisch verschraubtem Schlüsselbein den skandalösen Vorgang auf Twitter kommentierte, hätte Scholz Abbas sofort des Hauses verweisen müssen.

          Genau! Denn wer weiß, zu welchen Unerträglichkeiten der Palästinenser noch imstande gewesen wäre. Da war es doch gut, dass Hebestreit ihm so schnell den Stecker gezogen hat! Muss man sich für so eine beherzte Tat wirklich anraunzen lassen, sogar noch auf offener Bühne?

          Warum wechseln Journalisten auf die dunkle Seite der Macht?

          Anraunzen ist zwar ein schwaches Verb, aber doch ein starker Ausdruck. Sein Gebrauch wirft die Frage auf, warum Journalisten sich überhaupt der Gefahr des Angeraunztwerdens aussetzen, indem sie die Seiten wechseln. Natürlich kann sich auch jeder einfache Schreiberling auf einer Pressekonferenz eine Ohrfeige einfangen, wenn er nur dumm genug fragt (siehe die Sommerpressekonferenz des Bundeskanzlers). Aber danach kann er sich ja in der Zeitung oder auf dem Sender ausführlich revanchieren. Diese Möglichkeit, sich Genugtuung zu verschaffen, steht Regierungssprechern nicht mehr zur Verfügung.

          Was bringt selbstbewusste und meinungsstarke Journalisten, die ihr Berufsleben lang Regierungen kritisiert haben, überhaupt dazu, diesen plötzlich als Sprachrohr zu dienen? Dass man in dieser Funktion Dinge erlebt, die nicht einmal sogenannte investigative Journalisten erfahren würden, ist zweifellos reizvoll, aber vermutlich auch frustrierend: Man darf ja nicht mehr über die exklusiven Einsichten schreiben. Und der Sold allein kann es auch nicht sein – Boni wie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt es im unmittelbaren Staatsdienst nicht.

          Die Vierte Gewalt auf der anderen Seite der Barrikade

          Welche Verlockung vermag also sogar ehemalige Chefredakteure auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen? Eine frühere Kollegin verriet uns, dass es das Mitgestalten sei – das der Politik, nicht nur der Pressemitteilungen. Es scheint sie also tatsächlich zu geben, die sogenannte „Vierte Gewalt“, wenn auch auf der anderen Seite der Barrikade.

          Und schließlich kann ein Regierungssprecher nach vielen Jahren des treuen und selbstlosen Dienstes ja sogar Botschafter in Israel werden, das ist doch eine fürstliche Belohnung. Denn manchmal darf er selbst dort noch erklären, was der Kanzler in Berlin eigentlich hätte sagen wollen.

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