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Harvard-Rede : Merkel gibt den Anti-Trump

  • -Aktualisiert am

Kanzlerin Angela Merkel in Harvard Bild: AP

Die Kanzlerin spricht an der Harvard-Universität über das Einreißen von Mauern, über Wahrheiten und Lügen und darüber, dass nichts selbstverständlich sei – auch nicht Freiheit und Demokratie. Das andere Amerika feiert sie.

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          Ziemlich am Schluss ihrer Rede auf der Graduiertenfeier der Harvard-Universität spricht Angela Merkel über das Ende ihrer Zeit in der Politik. Es gebe keinen Anfang ohne ein Ende. „Ich glaube, dass wir immer wieder bereit sein müssen, Dinge zu beenden, um den Zauber des Anfangens zu spüren“, sagt die Kanzlerin in Anlehnung an Hermann Hesse, den sie zu Beginn ihrer Rede schon einmal den Absolventen ans Herz gelegt hatte.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Das sei ihre Erfahrung gewesen – im Studium, in der Wissenschaft und auch in der Politik. Dann fügt sie an: „Und wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt.“ Das sei völlig offen. Klar sei nur: „Es wird wieder etwas Anderes und Neues sein.“ Wieder etwas Anderes und Neues, sagt Merkel, weil es schon einmal so gewesen sei. 1989, nach dem Fall der Mauer, habe sie die Grenze überschreiten können und sei „ins Offene“ gegangen. Von Ost nach West. Und: von der Wissenschaft in die Politik.

          Zuvor schon hatte sie gesagt, es werde „nicht mehr lange dauern“, dann seien Politiker ihrer Generation nicht mehr Gegenstand des Kurses „Exercising Leadership“, also eines Seminars über praktisches Regieren, sondern eines über „Leadership in History“. Die Historisierung Merkels hat begonnen.

          Merkel strahlt über das ganze Gesicht

          Zu den vielen Spekulationen, die es seit Jahren darüber gibt, was Merkel in der Nach-Merkel-Zeit machen könnte, gehörte stets das Szenario, dass sie dereinst mit ihrem Mann an eine amerikanische Universität geht: Er könnte sich dann weiter mit theoretischer Chemie beschäftigen. Und sie hätte das geeignete Umfeld, um ihre Memoiren zu schreiben.

          Die Kanzlerin verbringt den ganzen Donnerstag auf dem Harvard Yard, dem Campus der Universität in Cambridge bei Boston. Mehr als zwanzigtausend Leute haben sich hier eingefunden. Es ist „Commencement“ angesagt, 7100 Absolventen – Bachelors, Masters und Doktoren aller Fakultäten – werden ins Leben entlassen. Am Vormittag gehört Merkel zum illustren Kreis derer, denen die Ehrendoktorwürde verliehen wird. Das ganze Procedere scheint sie zu beeindrucken: der Einmarsch der Graduierten in ihren Talaren, der in Frack und Zylinder gekleidete Sheriff von Middlesex County, dem traditionell die Aufgabe zukommt, die Abschlussfeier zu eröffnen, der lateinische Redebeitrag und das Singen der Hymnen. Als ihr dann selbst die Urkunde überreicht wird und der Kanzler der Universität sie lobt, ihr Land und Europa durch die Winde einer sich wandelnden Welt gesteuert zu haben, strahlt sie über das ganze Gesicht und blickt selig. Sie erhielt den Ehrendoktor von der Harvard Law School, jener Fakultät also, an der einst Barack Obama studierte.

          Merkel war schon vor vielen Monaten gebeten worden, die Ansprache an die Absolventen zu richten. Eine Ehre, die schon ihren Vorgängern Konrad Adenauer, Helmut Schmidt und Helmut Kohl sowie Bundespräsident Richard von Weizsäcker zugekommen war. Man hatte der Kanzlerin ausgerichtet, eine persönliche Rede zu halten, schließlich gehe es darum, jungen Leuten etwas mit auf den Weg zu geben. Merkel kommt dem Wunsch nach. Und sie tut mehr als das. Wenn Historiker dereinst über ihr politisches Vermächtnis schreiben, dient ihnen die Rede als Quelle ihres Selbstbildes. Und es ist gewiss kein Zufall, dass man ihr Vermächtnis als Gegenentwurf zu allem begreifen kann, wofür Donald Trump steht. Genau deshalb hatte Harvard, das wissenschaftliche Zentrum des amerikanischen Liberalismus, die Deutsche eingeladen. Und genau dafür feiert man sie nun.

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