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Harvard-Rede : Merkel gibt den Anti-Trump

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Merkel erwähnt freilich den Namen des amerikanischen Präsidenten kein einziges Mal. Sie spricht über Protektionismus und Handelskonflikte, die den freien Welthandel gefährdeten. Sie erwähnt die Dringlichkeit, die Menschheitsherausforderung des Klimawandels in den Griff zu bekommen. Sie bekräftigt ihr schon mehrfach vorgebrachtes Plädoyer für den Multilateralismus und sagt in direkter Verkehrung von Trumps Bekenntnis, ein „Nationalist“ und „Anti-Globalist“ zu sein: Mehr denn je müsse man „global statt national“ handeln und „weltoffen statt isolationistisch“. Dann appelliert sie an den Ethos der jungen Wissenschaftler jener Universität, deren Motto „Veritas“ heißt: Es bedürfe der Wahrhaftigkeit; Wahrheiten dürften nicht Lügen genannt werden und Lügen nicht Wahrheiten, sagt sie. Die Absolventen und die Elterngeneration springen nun auf von ihren Stühlen und jubeln. Die Stichworte „fake news“ und „alternative Fakten“ müssen nicht fallen. Jeder weiß, was gemeint ist.

Alles, was Merkel sagt, würde sie so auch anderswo sagen. Ohne den gegenwärtigen amerikanischen Kontext. Und doch ist der Bezug zu Trump keine Konstruktion des Publikums: Merkel redet über den Respekt vor der Geschichte, der Tradition, der Religion und der Identität anderer. Sie spricht von „unveräußerlichen Werten“ und davon, dass man bei allem Entscheidungsdruck nicht immer den „ersten Impulsen“ folgen sollte, sondern zwischendurch einen Moment innehalten, schweigen, nachdenken und Pause machen sollte. Das Publikum lacht.

Natürlich ist es so, dass die Deutung der eigenen Worte nicht in Merkels Macht liegt. Dennoch kann es die Kanzlerin nicht überraschen, dass das Publikum auch diese Passagen auf den Twitter-Präsidenten bezieht. Ebenso wird es sie nicht erstaunt haben, dass die Präsidentin der Alumni-Vereinigung sie zuvor als jene Kanzlerin vorgestellt hatte, die in Deutschland den Mindestlohn und die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt und „ihr Land einer Million Flüchtlingen aus dem Nahen Osten geöffnet“ habe. Zuhause muss sie angesichts dieser Entscheidungen den Absturz ihrer Partei ertragen. In Harvard hingegen ist sie die Projektionsfläche des liberalen Amerikas. Sie ist gar nicht erst bestrebt, irgendetwas richtig zu stellen und etwa über die Sicherung der EU-Außengrenzen zu reden. Sie sagt lediglich: „Wir können die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen“. Und fügt dann hinzu: „Das alles können wir schaffen.“

Die Kanzlerin lauscht sichtlich gerührt

Am Morgen hatte eine junge Frau eine der Reden der Absolventen gehalten. Ihr Name: Lucila Hanane Takjerad. Die Algerierin erzählte vom Schicksal ihrer Flucht aus dem Bürgerkriegsland in den neunziger Jahren, vom Glück, mit ihrer Familie Asyl in Frankreich erhalten zu haben. Nicht viel, sagte sie, habe in ihrem Leben dafür gesprochen, dass sie einmal an diesem Ort diese Rede halten würde. Merkel lauschte den Worten sichtlich gerührt.

Wie sehr Harvard sich verändert hat, spiegelt das Publikum wider: Die Absolventen des Jahres 2019 stammen aus allen Weltgegenden, aus allen Ethnien und Religionsgruppen. Als am Nachmittag die alten Jahrgänge, die Graduierten der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, unter Blasmusik einmarschieren beziehungsweise im Rollstuhl zu ihren Plätzen gefahren werden, wird der Wandel offensichtlich: Es sind die grau gewordenen Vertreter der weißen, protestantischen Ostküsten-Elite, die nun ihren bunten Nachfolgern zujubeln. Einige von ihnen waren dabei, als Außenminister George Marshall 1947 die Rede auf der Graduiertenfeier hielt und den nach ihm benannten Plan verkündete, dessen offizieller Name das Europäische Wiederaufbauprogramm war.

Merkel erwähnt den Marshall-Plan in ihrer Rede: Die transatlantische Partnerschaft mit den Werten von Demokratie und Menschenrechten habe Europäern und Amerikanern schon eine über 70 Jahre dauernde Zeit des Friedens und des Wohlstands beschert, von der alle profitierten. Merkels Botschaft ist klar: Amerika ist weit mehr als Trump. „Reißt die Mauern der Ignoranz und Engstirnigkeit ein“, sagt sie in ihrem Schlussplädoyer, einer kurzen auf English vorgetragenen Passage. Denn nichts müsse so bleiben wie es sei.

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