https://www.faz.net/-gpf-79k3y

Zuwanderung : Die integrierte Gesellschaft

Mittel und Wege zur „Anpassung“: Im Integrationskurs „Deutsch als Fremdsprache“ Bild: dpa

Integration heißt nicht, dass den Einwanderern ihr Platz in der Gesellschaft vom Staat zugewiesen wird. Doch viele Einwanderer der ersten Stunde erwarten genau das.

          3 Min.

          Das „Migrantenteilhabegesetz“, das die Türkische Gemeinde in Deutschland diese Woche dem Integrationsgipfel der Bundesregierung vorgelegt hat, ist ein aufschlussreiches Dokument. Es gibt Auskunft über die Hoffnungen und über das Selbstbewusstsein der Generationen, die nach den Anwerbeabkommen der fünfziger und sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach (West-)Deutschland eingewandert sind. Es ist aber vor allem - das Wort „Teilhabe“ deutet es an - ein Dokument, das sagen will: Wir gehören immer noch nicht dazu.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Wenn das stimmen sollte: Wozu gehören „Menschen mit Migrationshintergrund“ noch nicht? In den ersten Artikeln des „Gesetzentwurfs“ ist viel von „Anpassungsbedarf“ die Rede. „Ein vorhandener Anpassungsbedarf ist auszugleichen“, heißt es da, was bedeuten soll, dass „eine schrittweise Anpassung der Lebensverhältnisse von Teilgruppen der Menschen mit Migrationshintergrund an die Lebensverhältnisse der entsprechenden Teilgruppen der sonstigen Einwohnerschaft erfolgt, bis die Lebensverhältnisse von Menschen mit Migrationshintergrund denen der sonstigen Einwohnerschaft insgesamt entsprechen“.

          Nicht einmal die Gesellschaft, von der sich die Türkische Gemeinde ausgeschlossen fühlt, ist so hermetisch abgeschlossen wie das Gesellschaftsbild, das aus solchen Formulierungen spricht. Es ist das Bild einer Gesellschaft, in der alles feststeht, alles sorgsam geplant ist und jedermann nur darauf warten muss, dass er abgeholt wird, um voranzukommen.

          Eine Garantie auf Gleichheit gibt es nicht

          Zwar sichert der Sozialstaat jedem Bewohner Deutschlands zu, ihn durch Hilfe, Sozialversicherung und garantiertes Existenzminimum vor einem Leben in Not zu schützen. Eine Garantie auf Gleichheit, „Anpassung“ und auf einen Platz im sozialen Fahrstuhl nach oben, wie es die Türkische Gemeinde beansprucht, ist damit nicht verbunden - auch nicht innerhalb von „Teilgruppen“, welche das auch immer sein mögen.

          Es wäre beängstigend, wenn die Vorstellungen der Türkischen Gemeinde repräsentativ wären. In drei Generationen nach Deutschland eingewanderter Türken hätte sich ein Selbstbild durchgesetzt, das ein Gefühl von Integration nur in einer staatlich streng organisierten Gesellschaft entwickelt. Weil es die aber nicht gibt, sehen sich die Einwanderer als Opfer von Ausschluss, Missachtung und Benachteiligung. Es würde aber auch bedeuten, dass Integration nicht als individuelle Leistung und als persönliches Erfolgserlebnis begriffen würde, sondern als staatliche Leistung und Bringschuld der Gesellschaft, auf die jedermann einen gesetzlichen Anspruch hat - ohne allzu viel dafür tun zu müssen.

          Ganz abwegig ist die Klage über den Opferstatus von Ausländern nicht, zumal für die türkischen unter ihnen. Nicht erst ein Blick nach „Solingen“ und auf den rechtsextremistischen Terror zeigt, dass sie Opfer von Fremdenhass wurden, der wiederum auf einem Bodensatz von Stumpfsinn und „alltäglichem“ Rassismus gewachsen ist. Doch als Opfer dürfen sich die Einwanderer der ersten Stunde vor allem deshalb fühlen, weil sie lange Zeit gar nicht als solche wahrgenommen wurden.

          Deutschland war vor fünfzig Jahren kein Einwanderungsland und wollte keines sein. Weil deshalb „Integration“ ein Fremdwort blieb, war die faktische Einwanderung mit vielen Fragen befrachtet, nur nicht mit der entscheidenden: Welche Einwanderung will Deutschland eigentlich haben? Das Ergebnis war eine Polarisierung zwischen Verdrängungskünstlern und Utopisten - die einen träumten von Rückführung und dem alten Deutschland, die anderen vom neuen, vom multikulturellen Deutschland. Dazwischen sahen die Ausländer zu, wo sie blieben. Meist taten sie das Naheliegende. Sie schmiegten sich aneinander, blieben für sich und wurden zur „Teilgruppe“.

          Das Opfertum, das daraus hervorging, ist eine Erblast der deutschen Integrationspolitik. Doch die „Teilhabe“, die quasi als Wiedergutmachung verlangt wird, haben sich die meisten Einwanderer längst selbst erarbeitet. Die Zahl der Arbeitslosen, die Zahl derer ohne Schulabschluss, die Zahl der Straffälligen mag unter ihnen höher sein als unter den „Altdeutschen“. Doch ist die höhere Quote des Scheiterns wirklich nur Ursache, oder nicht auch Folge der Opferhaltung?

          Integration ist ein Angebot - an alle

          Die Frage richtet sich nicht nur an Einwanderer, sondern an alle, die in Deutschland leben und denen das Grundgesetz eine Chance auf Integration und auf „Inklusion“ vermittelt. Diese Chance ist für die einen leichter zu ergreifen als für die anderen - wegen der Sprache, der „kulturellen Kompetenz“, der Bildung. Dass es die Aussicht darauf gibt, und zwar für alle gleich, ist ein Grund, warum die Einwanderung nach Deutschland stetig steigt. Sie wird ein Ausmaß erreichen, das es so noch nicht gegeben hat.

          Von der Einwanderung der „Gastarbeiter“ wird sich diese Einwanderung aber schon deshalb grundlegend unterscheiden, weil niemand von den Neuankömmlingen erwartet, dass sie in ihre Heimat zurückkehren. Ihnen öffnen sich außerdem Wege der „Anpassung“, die noch vor einer Generation für nicht nötig gehalten wurden. Wenn Einwanderern allerdings eingeredet wird, Integration werde in Deutschland von oben zugeteilt und funktioniere als staatlich gesteuerte „Migrantenteilhabe“, werden sie sich lieber ein Einwanderungsland suchen, dessen Kultur mehr Freiheit atmet.

          Weitere Themen

          Reiter der Apokalypse

          FAZ Plus Artikel: Corona und Religion : Reiter der Apokalypse

          Unter Christen gibt es radikale Corona-Leugner. Doch anders als oft behauptet, bilden die Fundamentalisten nicht das Rückgrat der „Querdenken“-Bewegung. Trotzdem ist nicht unproblematisch, was dort bisweilen gepredigt wird.

          Topmeldungen

          Bald offiziell Amerikas Präsident: Joe Biden

          Joe Biden : „Wir sind im Krieg mit diesem Virus“

          Der künftige amerikanische Präsident Biden tritt sein Amt zu einer Zeit an, in der die Corona-Pandemie in den Vereinigten Staaten wilder tobt denn je. Die Impfung der Bevölkerung kommt nur schleppend voran. Biden präsentiert nun Pläne, wie er das ändern will.
          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Generalsekretär Paul Ziemiak beim digitalen Parteitag der CDU am Freitagabend.

          CDU-Parteitag : Die Kanzlerin spart sich das Lob

          Zu Beginn des CDU-Parteitags gibt es viel Schulterklopfen für die scheidende Vorsitzende Kramp-Karrenbauer – nur Angela Merkel spricht lieber über ihre eigenen Leistungen. Und Markus Söder vom spannenden Aufstieg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.