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Zur Philosophie der Piratenpartei : Die Linux-Demokratie

Besonders auf junge Leute hat das Projekt Politik als „freie Software” eine starke Anziehungskraft Bild: dapd

Freie Software als Weltanschauung: Seit ein paar Jahren ist sie in der Politik angekommen. Aber nicht nur die Piratenpartei will aus einer geschlossenen Kathedrale einen offenen Basar machen.

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          Der amerikanische Programmierer Eric Steven Raymond schrieb 1997 mit seinem Essay „Die Kathedrale und der Basar“ ein Manifest der „freien Software“. Er entwarf eine Computerwelt, die nicht von wenigen Konzernen, sondern von allen geschaffen werden sollte, mit einer für alle Internetnutzer frei zugänglichen Programmiersprache. Jeder sollte sich daran beteiligen können, niemand das Monopol für eine Software haben. Doch Raymond ging es um mehr. Freie Software („Open Source“) war für ihn eine Weltanschauung. Seit ein paar Jahren ist sie in der Politik angekommen.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die alte Welt habe aus Kathedralen bestanden, schrieb Raymond, der selbst der Hackerszene entstammt. Die neue sei wie ein Basar. Kathedralen seien sorgsam Stein für Stein gemeißelt worden, von Druiden ersonnen, von exklusiven Bauhütten ausgeführt, das Werk kleiner Gruppen disziplinierter Handwerker und Hohepriester, die in großer Abgeschiedenheit wirkten. Die Kathedrale der Gegenwart war damals Microsoft, der Basar war das Betriebssystem Linux. Jedermann konnte an der Weiterentwicklung von Linux teilnehmen, die Linux-Gemeinde war in den Augen von Raymond wie „ein großer, wild durcheinander plappernder Basar, geschaffen von Tausenden über den ganzen Planeten verstreuten Nebenerwerbs-Hackern“. „Linux ist subversiv“, schrieb Raymond. Der Linux-Erfinder, der Finne Linus Torvalds, war ein Revolutionär. Torvalds habe ihm einmal gesagt, worin sein Geheimnis bestehe, schreibt Raymond: „Ich bin ein sehr fauler Mensch“, habe ihm der Finne geantwortet, „der sich gerne mit fremden Federn schmückt und anderer Leute Lorbeeren erntet.“

          Nicht nur Frechheit siegt, auch Faulheit

          Von Torvalds’ Geheimnis geht eine direkte Linie zu PirateBay, der schwedischen Tauschbörse, deren Verbot und Wiederkehr wiederum die Geburtsstunde der Piratenpartei war. PirateBay hatte nichts anderes gemacht, als die Kathedralen der Unterhaltungsindustrie durch einen weltweiten Basar zu untergraben. Aus der Linux-Idee war eine Geschäftsidee geworden, PirateBay ein Basar zum Austausch wilder Kopien unter Missachtung der Urheberrechte. Profit wollten die drei Betreiber von PirateBay damit nicht unbedingt machen. Es ging ihnen ums Prinzip. Warum er so gerne als Hacker arbeite, wurde einer der drei Betreiber von PirateBay einmal gefragt. Die Antwort: „Weil ich es kann.“ Hollywood wehrte sich, vergebens. Nicht nur Frechheit siegt. Auch Faulheit.

          Mit der Piratenpartei war aus dem Hacker-Prinzip der schwedischen Tauschbörsen-Gründer eine politische Maxime geworden. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, die Volkssouveränität, bekommt in ihrem Parteiprogramm einen Linux-Beigeschmack. Wo die politischen Konsequenzen der Hacker-Jugendkultur liegen, hatte der Chicagoer Computerwissenschaftler Gerald Weinberg schon 1971 in seinem von Raymond zitierten Buch über die „Psychologie der Computerprogrammierung“ angedeutet. Weinberg zieht zur Veranschaulichung das im „Anarchistenparadies Internet“ (Raymond) verbreitete anarchistische Gedankengut heran.

          Prinzip der Übereinkunft

          Er zitiert die Autobiographie des russischen Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: „Aus einer Familie stammend, die Leibeigene besaß, begann ich mein Leben als Erwachsener wie alle jungen Männer meiner Zeit mit dem Glauben an die Notwendigkeit des Befehlens, Bestrafens, Scheltens und dergleichen. Als ich aber, noch sehr jung, ernsthafte Unternehmen leiten musste und es mit Menschen zu tun bekam, deren Fehler schwerwiegende Konsequenzen hatten, begann ich, den Unterschied zwischen dem Handeln nach dem Prinzip des Befehlens und der Disziplin und dem Handeln nach dem Prinzip der Übereinkunft zu würdigen. Ersteres funktioniert vortrefflich in der militärischen Parade, ist aber im wirklichen Leben nichts wert, denn ein Ziel kann nur durch die ernst gemeinte Anstrengung übereinstimmender Willen erreicht werden.“ Um effektiv zu kooperieren und zu wetteifern, so Raymond, müssten Hacker, die ein „kollaboratives Projekt“ leiten wollten, lernen, wie man „effektive Gemeinden“ im Sinne von Kropotkins Prinzip der Übereinkunft rekrutiert und begeistert – PirateBay ist nichts anderes, und der Weg zum Demokratieverständnis der Piratenpartei nicht mehr weit.

          Raymond zitiert die Kropotkin-Stelle aus Weinbergs Buch nicht, um aus dem Basar eine kommunistisch-anarchistische Utopie abzuleiten, sondern eine durch und durch marktwirtschaftliche Ordnung: „Die Linux-Welt verhält sich in vielen Aspekten wie ein freier Markt oder eine Ökologie, eine Sammlung von selbstsüchtig Agierenden, die versuchen, ihren eigenen Nutzen zu maximieren, und dabei von selbst eine selbstkorrigierende Ordnung schaffen, die wesentlich raffinierter und effizienter ist als jede zentrale Planung. Hier ist dann also das Prinzip der Übereinkunft zu suchen.“ Vom Internet inspirierte Politik versteht sich deshalb gerne als eine Mischung aus liberalem, anarchischem und demokratischem Gedankengut.

          Politik als „freie Software“ der Gesellschaft

          Wie aber wird aus solchen politischen Maximen wieder ein Betriebssystem? Mit dieser Frage beschäftigt sich nicht nur die Piratenpartei, sondern die Internetgemeinde als ganze, die es damit immerhin schon bis in den Deutschen Bundestag schaffte. In der Enquetekommission des Bundestags „Internet und digitale Gesellschaft“ kam es von Anfang an nicht nur über Datenschutz und Urheberrechte zum Streit, sondern vor allem darüber, wie die Öffentlichkeit einzubeziehen sei. Der Vorschlag, im Reichstag „liquid democracy“ einkehren zu lassen, stieß an die Grenzen repräsentativer Demokratie und der Gepflogenheiten des Parlaments. Unter dem Schlagwort „liquid democracy“ ist eine Mischung aus direkter und indirekter Demokratie zu verstehen: Jeder wählt und delegiert selbst, was er für richtig hält, beteiligt sich, woran er will und wie es ihm gefällt. Der Futurologe Alvin Toffler hatte dafür 1970 den Namen „Adhokratie“ (von Lateinisch ad hoc) erfunden – als Gegenwelt zur statischen Welt der Bürokratie, zur hierarchisch geordneten Partizipation und zu jeglicher Form zentraler Planung. Später sollte unter dem Namen nicht nur eine Managementtheorie firmieren, die an die Regeln des digitalen Basars erinnert, sondern auch eine Beteiligungsplattform, deren Software es erlaubt, dass sich jeder an einer Entscheidungsfindung beteiligt.

          Nicht nur die Piratenpartei experimentiert mit solchen neuen Formen unmittelbarer Beteiligung. Sie hat den Versuch, der seit langem in den Volksparteien an Zuspruch gewinnt, auch Nichtmitglieder an den Personal- und Sachentscheidungen der Partei teilhaben zu lassen, auf die Spitze getrieben. Jeder kann mitmachen, wann er will und wie er will. Politik soll „freie Software“ der Gesellschaft sein und nach dem Linux-Prinzip funktionieren. Besonders auf junge Leute hat das eine Anziehungskraft, die sich aus den Erfahrungen speist, die im Internet als einem „kollaborativen Projekt“ gesammelt werden können. Es wird sich angesichts der chaotischen Verfassung der Piratenpartei aber noch zeigen müssen, ob auch das Parteiensystem eine Kathedrale oder ein Basar ist.

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