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Ströbele und Snowden : Heldenverehrung

Hans-Christian Ströbele überbrachte den Snowden-Brief und lud in Berlin zur Pressekonferenz Bild: dpa

Nun sprießen Phantasien und Gänsehaut-Theorien. Im lustvollen Gruseln über das Ausmaß der NSA-Affäre und in der Heldenverehrung Snowdens äußert sich das Unvermögen, Interessen abzuwägen.

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          Eine gewisse Freude am Ausmaß der NSA-Affäre kann man vielen ihrer Betrachter nicht mehr absprechen. Wenig bis gar nicht wird beachtet, was die angegriffene amerikanische Verwaltung dazu sagt; wonnig und willig aber wird übernommen, was aus dem Fundus Edward Snowdens gerade feilgeboten und – gegen die Abstumpfung – noch an wüsten Spekulationen draufgesattelt wird.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Dass Millionen Daten, um die es geht, aus Kriegsgebieten stammen sollen; dass die amerikanische Botschaft nicht das Spionagenest sein könnte, zu dem sie gemacht wird – wen kümmert es? Dass Geheimdienste im Zeitalter organisierter Cyber-Kriminalität und digitaler Kriegsführung anders arbeiten müssen als noch im analogen Zeitalter – wen interessiert das? Viel aufregender ist es, wenn Phantasien wahr werden.

          Eine dieser Phantasien ist die vom totalen Überwachungsstaat, der in Deutschland als „digitale Besatzungsmacht“ sein amerikanisches Unwesen treibe. Das macht sich als Bewerbungsschreiben für Talkshows gut; mit der Wirklichkeit hat es genauso wenig zu tun wie die Gänsehaut-Theorie, wir alle seien auf dem besten Wege, von einer großen Krake namens Internet im Namen des Washingtoner Imperialismus algorithmisch gesteuert und geknechtet zu werden. Das ist die Neuauflage soziologischer Manipulationstheorien, die vor Jahren noch den subkutanen Faschismus in Form von Konsumterror und struktureller Gewalt heraufbeschwören wollten.

          Der Brief, den Snowden jetzt vom Boten Ströbele nach Berlin bringen ließ, ist deshalb nicht die Freiheitsepistel, zu der er wohl gemacht werden wird. Den Vorwurf, die amerikanische Regierung unterdrücke politische Meinungsäußerungen nicht nur durch Hetzjagden, sondern „kriminalisiere“ sie, wird sich keine westliche Regierung zu Eigen machen wollen, die bei Vernunft ist.

          Es ehrt die Bundesregierung, dass ihr dennoch daran gelegen ist, mit Snowden ins Gespräch zu kommen. Es wäre eine Gelegenheit zu klären, was Snowden wirklich weiß. Es ist aber auch die Gelegenheit, mit dem SPD-Innenpolitiker Thomas Oppermann zu fragen, was denn nun eigentlich wichtiger sei: die Straffreiheit Edward Snowdens oder der endgültige Ruin der deutsch-amerikanischen Beziehungen? Die Antwort fällt nur demjenigen schwer, den seine Heldenverehrung blind macht für das Abwägen von Interessen.

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