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Rechtsextremismus : Publizistischer Extremismus versus sächsische Nuancen

Rechtsextremisten bei einer Kundgebung in Dortmund Bild: dpa

Wo es eine starke Identität gibt, scheint unweigerlich auch die Abwehr einer von außen aufgedrängten Veränderung dieser Identität besonders stark zu sein. Da steht Sachsen nicht allein.

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          Warum immer wieder Sachsen? Schon die Frage trägt die Stigmatisierung eines Bundeslandes in sich, wie es sie bislang noch nicht gegeben hat. Die Behandlung Sachsens im Zusammenhang mit Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit trägt selbst das Phänomen eines publizistischen Extremismus in sich, der sich vor allem in „sozialen“ Netzwerken ausleben darf. Manche empörten Kritiker der „hate speech“ merken dabei gar nicht, wie sie selbst dazu beitragen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Das ist nicht nur für die Sachsen und die Politiker des Bundeslands ein Ärgernis, die den Extremismus bekämpfen, sondern offenbar auch für Extremismusforscher. Zwei von ihnen, Gert Pickel und Oliver Decker (beide Leipzig), haben jetzt einen Sammelband herausgegeben, der Sachlichkeit walten lässt, ohne die besondere Lage Sachsens beiseiteschieben zu wollen. Beide stehen nicht im Ruf, Probleme am rechten Rand zu „verharmlosen“. Decker ist Autor der Leipziger Studien zum Extremismus, die zuletzt unter dem Titel „Die enthemmte Mitte“ erschienen. 

          Die beiden Herausgeber stellen schon in der Einleitung fest: „Extremismus ist keineswegs ein Phänomen, das typisch oder spezifisch für Sachsen ist. Es ist dies nicht einmal für Ostdeutschland. Gleichzeitig gibt es übergreifende Auslöser, die in Sachsen scheinbar stärker ausgeprägt sind als in anderen Bundesländern.“ Das seien aber nur Nuancen, die gleichwohl in jüngster Zeit „sehr sichtbar“ würden; ein Effekt, der in Medien nicht etwa kontrolliert, sondern verstärkt werde. Die sehr sichtbaren Nuancen sind sicherlich Pegida, die Anschläge auf Asylbewerberheime, ausländerfeindliche Ausschreitungen, Pöbeleien gegen Angela Merkel und andere. All das findet sich in der einen oder anderen Form und Intensität auch in anderen Bundesländern, unter ihnen in den ostdeutschen häufiger als in den westdeutschen, aber auch da gilt: in Nuancen.

          In Sachsen hat es sich, Pars pro Toto, aber zum Holzschnitt verdichtet. Dem Buch, in dem Extremismusforscher wie Uwe Backes und Hans Vorländer zu Wort kommen, aber auch Psychologen, Soziologen und Theologen, ist durchaus anzumerken, wie schwierig es ist, die sachsenspezifischen Ursachen für diesen Holzschnitt freizulegen.

          Viele Erklärungsversuche haben eine kurze Reichweite: Weder herrscht in Sachsen eine besonders hohe Arbeitslosigkeit, noch kann das Land als irgendwie „abgehängt“ gelten. Im Gegenteil, Sachsen ist das erfolgreichste unter den ostdeutschen Ländern. Auch der geringe Ausländeranteil hilft nicht viel weiter. Dort, wo die Proteste sich ballen, in Dresden, Chemnitz oder Leipzig, ist er durchaus signifikant. Andernorts hilft, so der Ratschlag des Buches, genaue Ortskenntnis bei der Bekämpfung von Radikalismus sehr viel weiter als wohlfeile Pauschalurteile von außen. Die ausgeprägte Islamfeindschaft in Sachsen ist vielleicht die einzige Größe, die wirklich einen Unterschied macht. Woran liegt es?

          Der Begriff des „Ethnozentrismus“ hilft da vielleicht weiter, der die Auswüchse eines gruppenspezifischen, landsmannschaftlichen Überlegenheitsgefühls als neues Mittel politischer Radikalisierung deutet - und als Kompensation für das sozialpsychologische Leiden an der Globalisierung. Wie sich aus diesem exklusiven Wir-Gefühl, das sich unter den Bedingungen einer langjährigen westdeutschen Dominanz unterschwellig auch mit Minderwertigkeitsgefühlen und Neidgefühlen verbinden mag, wieder ein konstruktives Wir-Gefühl formen lässt, ist nicht nur eine politische Frage. Sie verlangt örtlichen Amtsträgern und Landespolitikern ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl und Psychologie ab.

          Für Sachsen ergibt sich vor allem auch die Frage: Wo es eine starke Identität gibt, scheint unweigerlich auch die Abwehr einer von außen aufgedrängten Veränderung dieser Identität besonders stark zu sein. Auch da steht Sachsen nicht allein. In Umfragen über die Schattenseiten dieses Phänomens schneiden zwei andere Länder ähnlich ab, die nicht einmal in Ostdeutschland liegen: Bayern und Schleswig-Holstein. Nicht immer ist das mit der Ausbreitung von Extremismus verbunden.

          Gert Pickel/Oliver Decker (Herausgeber): Extremismus in Sachsen. Eine kritische Bestandsaufnahme. Edition Leipzig, Leipzig 2016. 160 S., 12,95 €.

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