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Ralf Stegner : Der Schiedsrichter

Ralf Stegner Bild: dpa

Seit dem 17. Lebensjahr lässt sich Ralf Stegner als Dummkopf, Schieber oder korrupter Hornochse beschimpfen. Erst als Schiedsrichter, heute manchmal auch als Politiker. Jetzt wird er stellvertretender SPD-Vorsitzender.

          Es ist nicht immer schmeichelhaft, was über Ralf Stegner geschrieben wird. Er sei raubeinig, schaue so böse, und in Kiel, wo der SPD-Landesvorsitzende Fraktionsvorsitzender im Landtag ist, wurde er jüngst von der zurückgetretenen Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke, ebenfalls SPD, sogar zur Spezies der „testosterongesteuerten Politiker“ gerechnet, für die nur der Machtkampf, die Intrige, das Kräftemessen zähle. Mit anderen Worten: Stegner-Politik verdirbt den Charakter. Solche Vorwürfe laufen auf die Karikatur dessen hinaus, was über Politiker an Stammtischen gerne verbreitet wird: Sie seien nur an Macht interessiert, seien blind für die wahren Belange der Leute, seien verformte und „korrupte“ Persönlichkeiten.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Mit solchen Unterstellungen lebt Ralf Stegner seit dem 17. Lebensjahr. Zwanzig Jahre lang, bis er Anfang der neunziger Jahre Pressesprecher in Kiel wurde, ließ er sich als korrupt, blind, dumm, blöd, besoffen, als Schwein, Schieber, Hornochse, Nachtwächter, als Pfeifenkopf und weiß Gott was beschimpfen. Einmal war jemand drauf und dran, ihn mit einem Bierkrug zu erschlagen. Doch Stegner ertrug das alles, weil er wusste: Nur wenn ich von allen beschimpft werde, habe ich meine Arbeit gut getan. Wenn mir einer auf die Schulter klopft, habe ich etwas falsch gemacht. Die Arbeit? Stegner war Schiedsrichter – bis hinauf in die Fußball-Verbandsklasse hat er es geschafft, im Freiburger Studium und noch danach. Seither ist ihm nichts mehr fremd zwischen Bodensee und Karlsruhe.

          „Schiedsrichter haben mir imponiert, weil ich es mutig fand, vor einer großen Kulisse ausgepfiffen zu werden und trotzdem Regeln durchzusetzen.“ Und man lernt die „normalen“ Leute am Spielfeldrand anders kennen – ohne dass sie ihm unsympathisch geworden wären, im Gegenteil. „Das hatte wenig mit der Kunstwelt zu tun, in der man sich dann später doch die meiste Zeit bewegte.“ Wenigstens ist er in dieser Kunstwelt nicht mehr so einsam. Denn ein Schiedsrichter, das ist eine alte Fußballerweisheit, hat nie ein Heimspiel. „Schiedsrichter zu sein, befördert irgendwie die Einsamkeit, aber ohne Schiedsrichter gibt es kein Spiel, und ob es ein gutes oder schlechtes Spiel wird, hängt ganz wesentlich vom Schiedsrichter ab.“ Auch hier könnte man „Schiedsrichter“ durch „Politiker“ ersetzen.

          Das lernt man als Schiedsrichter: Mut zu haben

          Für Stegner war allerdings wichtiger, aus der Einsamkeit zu lernen. „Man lernt als Schiedsrichter, wie man Autorität entwickelt. Die Spieler merken sofort, ob der Schiedsrichter eine Autorität ist oder nicht.“ Man lernt vor allem, nicht zu kneifen. „Wenn man später dann vor Versammlungen von 500 Leuten steht und 498 davon anderer Meinung sind, wenn man deshalb ausgepfiffen wird, weiß man das zu ertragen. Dafür erntet man aber auch Respekt. Die Leute haben eher Respekt für jemand, der eine andere Meinung hat und dafür streitet, als für jemand, der sich aus Angst anpasst. Das lernt man als Schiedsrichter: Mut zu haben.“ Aber haben die Leute deshalb auch Respekt vor Politikern?

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