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Die Gaulandfrage : Was ist deutsch?

Wer darf, wer nicht? Bild: dpa

Die AfD stellt die Frage wieder neu: Was gehört zu Deutschland, was ist „uns“ fremd? Die politische Diskussion über die nationale Identität droht die Bevölkerung in zwei Lager zu spalten. Ein Kommentar.

          Wenn das Statistische Bundesamt bekannt gibt, wie hoch der Anteil an der Bevölkerung in Deutschland ist, der einen „Migrationshintergrund“ hat, wird die Meldung mit einer neuen Art von Nationalstolz verbreitet: je höher der Anteil, desto fortschrittlicher die Gesellschaft, desto reifer das Volk. Die Statistik kann indessen nicht messen, wie die Zahlen in der deutschen Gesellschaft tatsächlich wirken und aufgenommen werden. Die politische Diskussion über die Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre und über den Aufstieg der AfD deutet darauf hin, dass die deutsche Bevölkerung in zwei Teile zerfällt: Der eine Teil lebt schon in der Einwanderungsgesellschaft und arrangiert sich damit, der andere nicht und lehnt sie ab.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Das ist regional bedingt – nur in Ostdeutschland gibt es wohl noch Orte, wo keine Ausländer leben, wo also der Ruf „Wir sind das Volk“ die Betonung auf das „Wir“ ohne Einwanderung legen kann. Aber auch im Westen gab es während der Flüchtlingskrise den Ruf „Genug ist genug!“, und zwar dort, wo der Ausländeranteil besonders hoch ist und die Deutschen zur Minderheit zu werden drohen.

          Es ist aber nicht nur die unmittelbare Berührung oder die Distanz zu Ausländern, die über die jeweilige Haltung entscheidet. Die politische Sprengkraft dieser Polarisierung zwischen Akzeptanz der neuen und dem Bedürfnis nach der traditionellen Gesellschaft liegt darin, dass es neue und ganz unterschiedliche Antworten auf die alte Frage gibt: Was ist deutsch, was macht „uns“ zu Deutschen, und wie kann man verhindern, dass wir es verlieren?

          Gaulands aufschlussreicher Satz

          Der Satz, den Alexander Gauland über „die Leute“ sagte, die Jérôme Boateng angeblich nicht zum Nachbarn haben wollten, ist so aufschlussreich, weil er genau auf die Unsicherheit zielt, die über jener Frage entstanden ist. Gaulands Satz soll sagen: Selbst wenn Boateng eine deutsche Mutter hat, Deutsch spricht und sogar deutscher Staatsangehöriger ist, ein „richtiger“ Deutscher in der für ihn „richtigen“ Nachbarschaft ist er deshalb noch lange nicht – und kann es „eigentlich“ auch nicht werden. Das zielt gegen eine staatsbürgerliche und „multikulturelle“ Auffassung von Volk und Gesellschaft, die wiederum auf ganz anderen Traditionen aufbaut als die ethnisch verwurzelte des AfD-Politikers. In dessen Vorstellung gibt es eine Abstufung des Deutschseins – je nach der nationalen, ethnischen und religiösen Herkunft der Eltern.

          Die AfD und ihr Programm brechen damit radikal mit der Auffassung von Volk und Nation, die sich nach Kriegsende in Deutschland allmählich neu entwickelt hat – erst in illusionärem Widerwillen gegen Einwanderung, dann in deren Akzeptanz und Beförderung. Die neue Partei wendet sich gegen diese Beschleunigung und knüpft an Traditionen an, die auf das 19. Jahrhundert zurückgehen und im 20. Jahrhundert jäh abgebrochen sind, weil sie in die Verbrechen des Nationalsozialismus mündeten, von ihm ausgenutzt wurden oder pauschal als „Nazitum“ oder „faschistisch“ gebrandmarkt wurden.

          Der lange Schatten des 19. Jahrhunderts

          Im 19. Jahrhundert standen sich, grob gesagt, zwei Gesellschaftsentwürfe in Deutschland gegenüber: Der eine, romantisch geprägte, berief sich auf eine „organische“ Entwicklung, die sich einer „gemachten“, demokratischen, „gleichmacherischen“, gar sozialrevolutionären Gestaltung entziehe und dagegen geschützt werden müsse. Die andere wollte gerade das, die aktive Umgestaltung im Sinne der Ideale der Französischen Revolution. Die Auffassung von Volk, Staat und Gesellschaft als „organischen“ und „natürlichen“ Körpern berief sich auf kulturelle, ethnische bis hin zu biologischen Notwendigkeiten und radikalisierte sich unter dem Eindruck einer angeblichen spirituellen Höherwertigkeit des „Deutschen“.

          Ein Schlüsselwerk dieser Bewegung war „Rembrandt als Erzieher“ des Kulturkritikers Julius Langbehn, der darin einen antiegalitären und völkischen Gegenentwurf zur Französischen Revolution formulierte: „Eine auch noch so große Anzahl unter sich ganz gleichberechtigter Individuen ist niemals ein Volk; sie ist nicht einmal ein Heer, sondern eine Herde“, schrieb Langbehn. Zwar sei jedes Volk eine „buntschattierte Menge“; sie müsse aber „bestimmten Gesetzen“ gehorchen, deren Missachtung dazu führe, dass der „Volkskörper“ absterbe. Zu diesen „Gesetzen“ gehörte die statische, ethnische Homogenität.

          Kontroverser Politiker: AfD-Vize Gauland stand unter starker Kritik wegen seiner Aussage über Nationalspieler Boateng.

          Der „melting pot“ ist diesem Denken dennoch nicht ganz fremd – aber nur, wenn „verschmelzen“ meint, dass unter Dominanz des „autochthonen“ Volks das Fremde verschwindet. Assimilierung hat deshalb einen bösen Klang in Deutschland, selbst wenn sie sich freiwillig und „organisch“ vollzieht. Unabhängig davon haben sich die Fronten unter dem Eindruck des Ideenguts über die „multikulturelle“ Gesellschaft leicht verschoben. Auch deren Verfechter legen schließlich großen Wert auf die Kraft, die Entfaltung und das Eigenrecht jeder Kultur, lehnten es aber lange Zeit ab, dass es eine deutsche „Leitkultur“ geben müsse.

          Die Verfechter dieser kulturell heterogenen, aber ansonsten „egalitären“ Gesellschaft sind es nun jedoch, die in einem steigenden Migrationsanteil eine „natürliche“ Entwicklung sehen, die außerdem behaupten, dass sich eine Gesellschaft, wenn überhaupt, dann nur „organisch“ integriere und dass es „künstlich“ und „gemacht“ sei, Einwanderung verhindern, steuern oder gar zurückdrehen zu wollen. Die Gegner des Multikulturalismus können hingegen darauf verweisen, dass der Begriff nicht umsonst aus der (kanadischen) Musikszene komme und den Anspruch transportiere, eine neue Gesellschaft komponieren zu wollen, deren Glieder wie Noten gesetzt würden. Menschen und Kulturen seien aber keine Noten.

          Was haben die „Multikulturalisten“ durchgesetzt?

          Die „Multikulturalisten“ konnten sich mit ihren Vorstellungen insofern durchsetzen, als die Gemeinsamkeiten einer heterogenen Einwanderungsgesellschaft nicht mehr an der ethnischen Herkunft gemessen werden. Das kürzlich vom Bundeskabinett beschlossene Integrationsgesetz knüpft die aktive, positive Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft in altliberaler Tradition nur an die deutsche Sprache, alles Weitere regelt das Grundgesetz, das wiederum auf das Staatsbürgerrecht verweist. Immerhin: Als die multikulturelle Philosophie Ende der achtziger Jahre aufkam, galt selbst die deutsche Sprache als Mittel nationalistischer Repression.

          Gegen diese Ergebnisse der jüngsten deutschen Gesellschaftsgeschichte formieren sich AfD, Pegida und die „Neue Rechte“ als Spielarten einer Bewegung, die alle im bewussten oder unbewussten Rückgriff auf das 19. Jahrhundert eine Art ethnische Volonté générale für sich reklamieren: Sie definieren den „wahren“ Volks- und Gemeinwillen nicht mehr nur demokratisch, sondern auch gegen das ethnisch Fremde und dessen politische Verbündeten, die „Elite“. Aus dem steigenden Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund machen sie auf ihre Weise eine neue, die alte „deutsche Frage“.

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