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Kennedys Tod vor fünfzig Jahren : Das Ende des ersten Sommermärchens

John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus Bild: dpa

Für die Deutschen war John F. Kennedy der erste Politiker nach dem Zweiten Weltkrieg, dem sie grenzenlos zujubeln durften. Sein Vermächtnis lautete: Wir sind das Volk!

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          In der Asservatenkammer des Berliner Kanzleramts liegt das wichtigste Dokument der Reise John F. Kennedys nach Berlin im Sommer 1963. Hier werden die Gastgeschenke aufbewahrt, die wenig über den Besuch, aber viel über die Staaten und Systeme sagen, aus denen sie stammen. Eigentlich ist auch das Kanzleramt selbst ein solches Gastgeschenk. Es war das Geschenk eines Kanzlers an sich und das Land, zu dessen Wiedervereinigung er nicht unwesentlich beigetragen hatte. Doch dieser Kanzler, Helmut Kohl, war nur seltener Gast in dem etwas zu wuchtig, zu stolz, zu repräsentativ geratenen Geschenk; regiert hat von hier aus erst sein Nachfolger, Gerhard Schröder. Doch eines der Gastgeschenke bezieht sich noch auf die Regierungszeit Helmut Kohls. Es ist die Kopie einer Seite aus dem Manuskript für die Rede Ronald Reagans vor der Mauer am Brandenburger Tor am 12. Juni 1987. Die entscheidende Passage der Rede des amerikanischen Präsidenten ist darin enthalten: „Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!”

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Das Geschenk stammt von Barack Obama, der vielleicht gerne an derselben Stelle geredet hätte, aber mit der Siegessäule vorlieb nehmen musste. Er kam im Juli 2008 nach Berlin und wurde kurz im Kanzleramt von Angela Merkel empfangen. Damals war er noch gar nicht Präsident, aber jeder Berliner wusste, dass er im November desselben Jahres zum Präsidenten gewählt werden würde. „Obamania“ nannte sich die Begeisterung, die auf dieser Gewissheit gründete. Es war eine ähnliche Begeisterung, die „Mr. Gorbachev“ bei den Deutschen genoss, noch bevor wahr geworden war, was Ronald Reagan gefordert hatte. Die „Gorbimanie“ brach im Juni 1989 in Bonn aus, ziemlich genau 26 Jahre nach dem Kennedy-Besuch in Berlin, als der sowjetische Staatschef zu Besuch bei Helmut Kohl war.

          Das Geschenk Obamas – überreicht ein Jahr nach seinem Berlin-Besuch in Washington, wo Angela Merkel vor dem Kongress eine Rede halten durfte – hatte noch einen zweiten Teil, eine Karteikarte, auf der handschriftlich steht: „Ish bin ein Bearleener.“ Und darunter: „Kiwis Romanus sum.“ Es ist die Kopie der Karteikarte, die Kennedy noch kurz vor seiner Rede auf dem Rudolph-Wilde-Platz am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus in sein Redemanuskript aufnahm.

          Die Karteikarte mit dem Satz: Ish bin ein Bearleener

          Im Büro des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt ruhte sich Kennedy in der Mittagszeit nach seiner Fahrt vom Flughafen durch die Stadt kurz aus. Konrad Adenauer las am Schreibtisch des Bürgermeisters im „Neuen Deutschland“, während der amerikanische Präsident sein Hemd wechselte und sich anschließend die deutsche Aussprache von „Ich bin ein Berliner“ noch einmal beibringen ließ. Um kurz nach ein Uhr traten Kennedy, Brandt, Adenauer, Außenminister Rusk, General Lucius D. Clay und die Dolmetscher dann heraus auf die hölzerne Rednertribüne, Hunderttausende vor ihnen, und John F. Kennedy sollte, indem er sein vorbereitetes Manuskript über den Haufen warf, unter anderem zugunsten dieser vier Worte, die berühmteste Rede seiner kurzen Amtszeit halten, die berühmteste Rede des Kalten Kriegs.

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