https://www.faz.net/-gpf-8giar

Grün-Schwarz : Politische Naturgesetze in Stuttgart

Thomas Strobl (CDU) und Winfried Kretschmann (Grüne) nach der Einigung auf einen grün-schwarzen Koalitionsvertrag in Stuttgart. Bild: dpa

In Baden-Württemberg bestätigt sich ein Naturgesetz der Bundesrepublik: Die Grünen sind nach rechts, die Christlichen Demokraten nach links gerückt, seit es sie gibt. Ein anderes Naturgesetz wird aber widerlegt.

          Was die Union erwartet, wenn sie sich ernsthaft auf eine schwarz-grüne Zukunft einlässt, werden die kommenden Tage in Baden-Württemberg zeigen. Dort ist die CDU eingeklemmt zwischen dem Vorwurf, immer weiter nach links zu driften, und dem etwas höhnischen Tadel, ein Konservativer sei jetzt Landesvater, nur eben nicht in der CDU.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die Parteiführung um Thomas Strobl wird vor dem entscheidenden Parteitag am Wochenende auf zahlreichen Regionaltreffen das Argument entkräften müssen, mit dem Bündnis nun endgültig der AfD das Feld zu überlassen, auf dem die CDU im Südwesten lange Zeit unangreifbar schien. Der Koalitionsvertrag wird indes nichts enthalten, worauf die Modernisierer der CDU nicht auch ohne die Grünen gekommen wären. Umgekehrt haben die Grünen nur solche Kröten zu schlucken, die ihnen bei der volatilen Klientel der CDU den einen oder anderen Achtungserfolg bescheren - Stichwort innere Sicherheit (1500 mehr Polizisten!).

          Beide Parteien treffen sich aber in einem Urquell ihrer Geschichte: Die Grünen sind nach rechts gerückt, die Christlichen Demokraten nach links, seit es sie gibt. Auch Helmut Kohl war einmal ein „Linker“ in der CDU, und ist Kretschmann nicht ein großväterlicher Fischer? Diese Drift lässt sich weder durch „Sozialdemokratisierung“ beschreiben, noch allein durch das Realo-Fundi-Schema. Es ist vielmehr Ausdruck des Magnetismus der bürgerlichen Mitte, ein politisches Naturgesetz der Bundesrepublik, das weit mehr zur Integration des Landes beiträgt als alle Integrationsmaßnahmen. Ob dabei das Land von den Parteien verändert wird oder sich die Parteien anpassen, weil sich das Land verändert, ist nicht immer klar zu trennen. Das vermeintlich so provinzielle Baden-Württemberg ist dafür das beste Beispiel. 

          Ein anderes Naturgesetz wird in Baden-Württemberg gerade widerlegt. Dass ein Politiker aus einer Niederlage Statur gewinnen kann, widerspricht eigentlich diesen politischen Gesetzen. Da gilt: Nichts macht so erfolgreich wie Erfolg. Winfried Kretschmann steht für diesen Lehrsatz, Thomas Strobl für das seltenere Naturereignis. Er hat vor zwei Jahren in der CDU den Mitgliederentscheid gegen Guido Wolf klar verloren und war zum König ohne Land geworden. Das erobert er sich gerade Stück für Stück zurück und scheut dabei nicht das Risiko. Nicht nur, indem er Wolf zur schwarz-grünen Koalition verdonnerte, sondern auch, indem er ihm den Fraktionsvorsitz abgehandelt hat.

          Denn Strobl wäre nicht von Berlin nach Stuttgart gegangen, wenn Wolf, der damals den Sieg so deutlich davontrug, weil er der Mann der Landtagsfraktion war, deren Vorsitzender bliebe. Strobl braucht dafür einen Verbündeten. Dann wäre aus ihm ein Mann geworden, der seinen Ehrgeiz zügeln musste, um Souveränität zu gewinnen und wieder erfolgreich zu sein. Winfried Kretschmann wird es zwar recht sein, weil er sich so auf die CDU verlassen kann. Der Erfolg Strobls könnte allerdings sehr schnell erfolgreicher machen als sein eigener.

          Weitere Themen

          Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten Video-Seite öffnen

          Fragestunde im Bundestag : Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten

          Bei ihrem letzten großen Auftritt vor der Sommerpause hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag den Fragen der Abgeordneten gestellt. Dabei stellt sie klar, dass eine globalisierte Weltordnung eine Wahrnehmung der Interessen anderer Staaten erfordere.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.