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Schwarmextremismus : Mit der Burka im Netz

Vollverschleierung in Offenbach Bild: dpa

Hass im Internet hat seine Wurzeln in der Anonymität. Die kultiviert, wer aufgeklärte Öffentlichkeit zerstören und radikal sein will. Kein Extremismus ist seither so verbreitet wie der Schwarmextremismus.

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          In seinem Urteil über das Burka-Verbot in Frankreich vom 1. Juli 2014 fand der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine bemerkenswerte Begründung für dessen Zulässigkeit. Die Mehrzahl der Richter - fünfzehn von siebzehn - hielt ein Verbot für gerechtfertigt, weil die Burka den Respekt für die Mindestanforderungen gesellschaftlichen Lebens vermissen lasse. Das Gericht akzeptiere es, hieß es in der Begründung, dass der französische Staat die Verhüllung als Verletzung des Rechts anderer begreife, in einem „Raum der Sozialisierung“ leben zu wollen, der das Zusammenleben erleichtere. Das Gesicht spiele eine wichtige Rolle im sozialen Zusammenleben. Es sei deshalb nachzuvollziehen, dass Personen, die sich in der Öffentlichkeit aufhielten, es ablehnten, dass sich dort Gewohnheiten breitmachten, die auf „fundamentale Weise die Möglichkeit offener zwischenmenschlicher Beziehungen in Frage stellen“, heißt es in der Begründung. Diese Beziehungen seien aber ein unverzichtbarer Bestandteil der Gesellschaft, um die es gehe.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Das Gericht schloss sich damit der Argumentation der französischen Regierung an, die Verhüllung des Gesichts verstoße gegen eines der drei wichtigsten Prinzipien der Republik, die „Brüderlichkeit“, und verletze deshalb den bürgerlichen Anstand.

          Anonymität im öffentlichen Raum ist also keine Privatangelegenheit. Sie verletzt ein Recht auf Öffentlichkeit, und dazu gehört das Gesicht, die Identität, die Gewissheit, dass man weiß, mit wem man es zu tun hat. Die zwei Richter, die sich dem Urteil nicht anschlossen, setzten andere Prioritäten. Sie gaben zu bedenken, dass doch auch Sonnenbrillen im öffentlichen Raum erlaubt seien. Aber ist das eine bewusste Verschleierung der Identität zum Zweck der Anonymisierung?

          Eine Parallele ließe sich allenfalls zwischen Burka-Verbot und Vermummungsverbot während einer Demonstration oder in Fußballstadien ziehen. Die Begründung des entsprechenden Verbots betont allerdings den Sicherheitsaspekt, nicht die Maximen der bürgerlichen Gesellschaft und deren „Zusammenhalt“.

          Vermummung ist gang und gäbe

          Die Vermummung im öffentlichen Raum, auch und vor allem bei Demonstrationen, ist aber gang und gäbe. Besonders beliebt waren zeitweise die Masken, die dem Porträt Guy Fawkes’ nachgebildet sind - Erkennungszeichen für die Anhänger von „Anonymous“, einer Gruppe namenloser Netzaktivisten, die zunächst gegen Scientology demonstrierten, danach gegen Urheberschutz, „Zensur“, Konzerne, Globalisierung, die Finanzwelt, den Euro, „Brüssel“, Amerika und neuerdings gegen das Freihandelsabkommen TTIP.

          Die Übertragung der Maske als Mittel der Anonymisierung aus der virtuellen Welt in den öffentlichen Raum der analogen Welt ging geräuschlos und ohne jede Diskussion darüber vonstatten, ob es sich dabei nicht um einen Rechtsbruch oder gar um einen Zivilisationsbruch handele. Es galt und gilt sogar als besonders originell.

          Doch genau das ist es: ein Bruch mit den Regeln aufgeklärter Öffentlichkeit. Anders als die Burka soll die Maske oder jede andere Form „demonstrativer“ Vermummung zwar sagen, dass ihr Träger am öffentlichen Leben teilnehmen will. Aber die Wirkung ist dieselbe. Die Verhüllung soll verhindern, dass der Rest der Öffentlichkeit erfährt, wer das ist. Es ist das Zeichen einer radikalen Distanzierung und Abkehr - egal ob durch die Burka, die Maske oder sonstige Vermummung.

          Der Kult der Anonymität

          Wenn die Burka aber verboten oder zumindest missbilligt wird, warum dann nicht auch andere Formen „fundamentaler“ Anonymisierung? Warum dann nicht auch die Anonymisierung, die Burka im Netz?

          Der Grund dürfte darin liegen, dass das Netz zwar als revolutionäre Erweiterung des „öffentlichen Raums“ gefeiert, aber eigenen Regeln unterworfen wird. Eine Regel besagt, dass Anonymisierung nicht nur zulässig, sondern unbedingt notwendig sei. Nicht erst die Debatte nach den Enthüllungen Edward Snowdens über die Datensammelwut der Geheimdienste und die Folgen für den Datenschutz hat diesem Phänomen Vorschub geleistet.

          Anonymität und Kryptographie waren die Antriebskräfte schon für Julian Assange, dessen ganzes Streben darauf gerichtet ist, sicherzustellen, dass Informationen „geleakt“ werden, ohne dass die Informationsquelle zurückverfolgt werden kann. Offenheit und Transparenz, die einerseits Gefahr laufen, im Netz den „gläsernen Menschen“ zu züchten, gehen andererseits einen paradoxen Pakt mit Verschleierung und dem Untergrund ein.

          Freibrief für Radikalität

          Doch die Wurzeln der „beiläufigen Anonymität“ (Jaron Lanier) im Netz, einer Anonymität, die, je nach Radikalisierungsbedarf, angelegt und wieder abgelegt ist, reichen zurück in die Zeit vor der massenhaften Verbreitung des Internets. Schon in den Netz-Frühformen stand es jedem frei, ein Pseudonym zu wählen, um seine Identität zu verheimlichen. Da es sich um akademische und militärische Kreise handelte, lässt sich das nicht damit entschuldigen, die Beteiligten hätten die Regeln der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht gekannt. Sie waren offenbar froh (oder so faul), sie nicht beachten zu müssen - und nach wenigen Jahren war es die halbe Welt.

          Pseudonyme benutzten bis dahin vornehmlich und nur selten Schriftsteller, aber nicht, um anonym zu bleiben. Der andere Name diente ihnen als Schild. Es war nicht Maske, sondern zweites Gesicht. Das ist im öffentlichen Raum des Internets heute anders. Die Anonymität dient hier als Schirm und Freibrief für das Bedürfnis nach Radikalität - damit man sagen kann, wobei man nicht erkannt werden will.

          Die massenhafte Vermummung im Internet, Phänomene wie „Trolle“ und „Anonymous“ haben längst verwirklicht, was den Europäischen Gerichtshof dazu bewog, ein Burka-Verbot nicht zu verdammen: Auf „fundamentale Weise“ wird die Möglichkeit „offener zwischenmenschlicher Beziehungen“ in Frage gestellt, damit aber eine der wichtigsten Errungenschaften demokratischer Öffentlichkeit, die „Brüderlichkeit“, schleichend zerstört. Das ist so weit fortgeschritten, dass sich Radikalismus und Hass mittlerweile gar nicht mehr vermummen muss. Die anonymen Extremisten haben Maßstäbe gesetzt und werden von ihren Mitläufern noch übertroffen.

          Dem Gericht konnte es egal sein, was aus einer radikalen Distanzierung und distanzierten Radikalität mittels Burka folgt. Doch es ist klar, dass sich dadurch zuallererst die Öffentlichkeit selbst verändert. Wer sich die Tarnkappe, die Netz-Burka überzieht, dem ist nicht an Aufklärung, Offenheit und daran gelegen, was Öffentlichkeit schaffen soll - den gesellschaftlichen „Zusammenhalt“ durch Meinungsbildung.

          Es ist eine Ironie dieser Erscheinung, dass im Deutschen das Wort „Öffentlichkeit“ nicht nur mit „offen“ zu tun hat, sondern auch mit dem „Offensichtlichen“. Darauf zielte die bürgerliche Öffentlichkeit der Aufklärung, auf die Kraft, durch das Licht des „Offensichtlichen“, des „Offenbaren“, die Unmündigkeit des Einzelnen zu überwinden. Der Drang zur Anonymität fördert das Gegenteil, die vermummte Wirklichkeit, den Radikalismus, den Mob und die gesichtslose Meute, die sich ihr Pendant sucht, das Gegenteil des Offensichtlichen, die Verschwörung.

          Es wird deshalb noch etwas dauern, bis mit der „Schwarmintelligenz“ das neue Zeitalter der Aufklärung anbrechen kann. Erst kommt noch der Schwarmextremismus.

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