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Schwarmextremismus : Mit der Burka im Netz

Der Grund dürfte darin liegen, dass das Netz zwar als revolutionäre Erweiterung des „öffentlichen Raums“ gefeiert, aber eigenen Regeln unterworfen wird. Eine Regel besagt, dass Anonymisierung nicht nur zulässig, sondern unbedingt notwendig sei. Nicht erst die Debatte nach den Enthüllungen Edward Snowdens über die Datensammelwut der Geheimdienste und die Folgen für den Datenschutz hat diesem Phänomen Vorschub geleistet.

Anonymität und Kryptographie waren die Antriebskräfte schon für Julian Assange, dessen ganzes Streben darauf gerichtet ist, sicherzustellen, dass Informationen „geleakt“ werden, ohne dass die Informationsquelle zurückverfolgt werden kann. Offenheit und Transparenz, die einerseits Gefahr laufen, im Netz den „gläsernen Menschen“ zu züchten, gehen andererseits einen paradoxen Pakt mit Verschleierung und dem Untergrund ein.

Freibrief für Radikalität

Doch die Wurzeln der „beiläufigen Anonymität“ (Jaron Lanier) im Netz, einer Anonymität, die, je nach Radikalisierungsbedarf, angelegt und wieder abgelegt ist, reichen zurück in die Zeit vor der massenhaften Verbreitung des Internets. Schon in den Netz-Frühformen stand es jedem frei, ein Pseudonym zu wählen, um seine Identität zu verheimlichen. Da es sich um akademische und militärische Kreise handelte, lässt sich das nicht damit entschuldigen, die Beteiligten hätten die Regeln der bürgerlichen Öffentlichkeit nicht gekannt. Sie waren offenbar froh (oder so faul), sie nicht beachten zu müssen - und nach wenigen Jahren war es die halbe Welt.

Pseudonyme benutzten bis dahin vornehmlich und nur selten Schriftsteller, aber nicht, um anonym zu bleiben. Der andere Name diente ihnen als Schild. Es war nicht Maske, sondern zweites Gesicht. Das ist im öffentlichen Raum des Internets heute anders. Die Anonymität dient hier als Schirm und Freibrief für das Bedürfnis nach Radikalität - damit man sagen kann, wobei man nicht erkannt werden will.

Die massenhafte Vermummung im Internet, Phänomene wie „Trolle“ und „Anonymous“ haben längst verwirklicht, was den Europäischen Gerichtshof dazu bewog, ein Burka-Verbot nicht zu verdammen: Auf „fundamentale Weise“ wird die Möglichkeit „offener zwischenmenschlicher Beziehungen“ in Frage gestellt, damit aber eine der wichtigsten Errungenschaften demokratischer Öffentlichkeit, die „Brüderlichkeit“, schleichend zerstört. Das ist so weit fortgeschritten, dass sich Radikalismus und Hass mittlerweile gar nicht mehr vermummen muss. Die anonymen Extremisten haben Maßstäbe gesetzt und werden von ihren Mitläufern noch übertroffen.

Dem Gericht konnte es egal sein, was aus einer radikalen Distanzierung und distanzierten Radikalität mittels Burka folgt. Doch es ist klar, dass sich dadurch zuallererst die Öffentlichkeit selbst verändert. Wer sich die Tarnkappe, die Netz-Burka überzieht, dem ist nicht an Aufklärung, Offenheit und daran gelegen, was Öffentlichkeit schaffen soll - den gesellschaftlichen „Zusammenhalt“ durch Meinungsbildung.

Es ist eine Ironie dieser Erscheinung, dass im Deutschen das Wort „Öffentlichkeit“ nicht nur mit „offen“ zu tun hat, sondern auch mit dem „Offensichtlichen“. Darauf zielte die bürgerliche Öffentlichkeit der Aufklärung, auf die Kraft, durch das Licht des „Offensichtlichen“, des „Offenbaren“, die Unmündigkeit des Einzelnen zu überwinden. Der Drang zur Anonymität fördert das Gegenteil, die vermummte Wirklichkeit, den Radikalismus, den Mob und die gesichtslose Meute, die sich ihr Pendant sucht, das Gegenteil des Offensichtlichen, die Verschwörung.

Es wird deshalb noch etwas dauern, bis mit der „Schwarmintelligenz“ das neue Zeitalter der Aufklärung anbrechen kann. Erst kommt noch der Schwarmextremismus.

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