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Heiko Maas gegen Rechts : Wer auf die @feinesahne haut

Neulich in Anklam auf dem Konzert „Noch nicht komplett im Arsch“. Bild: dpa

Im Kampf gegen den Faschismus hat das Bundesjustizministerium jetzt Erfahrungen mit dem Sprichwort sammeln dürfen: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.

          Das Bundesjustizministerium hat das „Social Media Team“ des Ministers Heiko Maas (SPD) dafür verantwortlich gemacht, dass unter dessen Namen auf Twitter und Facebook die Punk-Gruppe „Feine Sahne Fischfilet“ gelobt wird. Die hatte kürzlich zu einer Spielart von „Rock gegen Rechts“ in ihre Heimat an der Ostsee geladen. Zur anschließenden Ovation des ministeriellen „Social Media Teams“ führte das Bundesjustizministerium aus: „Es hat sich durch den Verweis bei Twitter und Facebook auf einen Beitrag der Tagesschau selbstverständlich in keiner Weise jede einzelne Textzeile aller jemals gesungenen Lieder der dort aufgetretenen Musiker zu eigen gemacht. Davon sind wir weit entfernt.“ Was genau der Beitrag der „Tagesschau“ über das Konzert bewirkt haben soll, wird nicht ganz klar. Wenn man ihn gesehen hat, wird aber deutlich: Das „Social Media Team“ hat wohl nur gehört und gesehen, was es hören und sehen wollte. Manchmal ist es aber auch ganz nützlich, wenn man liest.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Was war geschehen? Die Gruppe „Feine Sahne Fischfilet“ hat sich dem „antifaschistischen Kampf“ verschrieben und lud in der zurückliegenden Woche zu einer Musikveranstaltung in Anklam in Vorpommern ein, auf der die Tatsache gefeiert werden sollte, dass Mecklenburg-Vorpommern trotz einer starken AfD und örtlich erfolgreichen NPD kurz vor der Landtagswahl „noch nicht komplett im Arsch ist“, wie es auf der Einladung hieß. So lautet auch der Titel eines beliebten Liedes der Gruppe. Maas, besser gesagt: sein „Social Media Team“, das unter seinem Namen und seinem Bild publiziert, reagierte auf das Konzert mit dem Twittertext: „Tolles Zeichen gg Fremdenhass u Rassismus. Danke #Anklam #Campino @marteria @feinesahne!“

          Kritik wurde daran laut, weil die Gruppe „Feine Sahne Fischfilet“ bis vor einem Jahr im Verfassungsschutzbericht des Landes geführt wurde. Das beruhte auf Liedtexten wie „Staatsgewalt“. Dort heißt es: „Die Bullenhelme – sie sollen fliegen. Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein.“ In anderen Liedern finden sich Passagen wie: „Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck!“ Oder auch: „Deutschland verrecke, das wäre wunderbar“.

          Das sind Lieder, die man nicht unbedingt kennen muss. Sie werden auch nicht mehr allzu oft gesungen, vielleicht nur noch im stillen Kämmerlein, wenn hartgesottene Antifaschisten beim Bier zusammensitzen. Sie erreichen dabei ungefähr das Niveau von Leuten, die Begeisterungsstürme dadurch auslösen, dass sie Deutschland „versifft“ nennen, weil sie „das System“ eigentlich ganz „scheiße“ finden. Das Liedgut welcher Partei ist das nochmal?

          Die Fischfilet-Lieder stammen aus der Zeit nach der Gründung der Gruppe vor zehn Jahren, nachdem die NPD in den Schweriner Landtag eingezogen war. In Vorpommern erreichte die NPD damals mancherorts mehr als 30 Prozent der Stimmen. Heute begründet die Gruppe ihre politische Agitation auch gerne mit dem Versagen der Sicherheitsbehörden bei der Fahndung gegen den NSU und damit, dass „Nazis und Verfassungsschutz immer noch Hand in Hand gehen“.

          „Immer noch“? Das bezieht sich ganz offenbar auf die Zeit des Nationalsozialismus. Es waren allerdings die Nazis, die bei aller Freude darüber, dass sie sich in der Weimarer Republik mit Antifaschisten prügeln konnten, sich in einem Punkt mit ihren extremistischen Gegnern einig waren: Am Ende der Weimarer Republik erreichten sie, dass der Verfassungsschutz abgeschafft wurde. Die Musikgruppe aus Mecklenburg-Vorpommern wirft dem Verfassungsschutz jetzt vor, in der Bundesrepublik „Nazistrukturen“ bewusst aufgebaut zu haben. Wahrscheinlich war er auch schon schuld daran, dass die Weimarer Republik untergegangen ist. Oder so ähnlich.

          In einem Video lud einer der Musiker der Gruppe alle Interessierten zu dem Konzert in Anklam ein, die „nicht Arschlöcher sind“. Wer glaubt, er gehöre sicher nicht dazu, sollte vorsichtig sein. Denn zu den „Arschlöchern“ zählt die Punk-Gruppe angeblich auch Günter Grass, dem sie vor Jahren die Liedzeile gewidmet haben soll: „Günter ist Scheiße, Günter ist Dreck“. Begründet wird das damit, dass Grass zu sehr moralisiert habe, obwohl er doch als Jugendlicher in der SS gewesen sei. Damit waren die Musiker ihrer Zeit weit voraus. Denn sie beweisen mit solchen Ansichten eine gewisse geistige Affinität zu einer Partei, die es damals noch gar nicht gab. Es ist dieselbe mit dem „versifften Deutschland“. Beim Lucke, wie heißt sie bloß - ?

          Auch Maas muss deshalb, trotz seines großzügigen Lobs, fürchten, dass er von der Gruppe zu den „Arschlöchern“ gerechnet wird. Die Reaktion der Gruppe auf den sozialen Zuspruch des Bundesjustizministers fiel nämlich ausgesprochen zurückhaltend aus. Maas und die SPD hätten die Leute in NPD-Hochburgen jahrelang im Stich gelassen. „Hinterher sich schmücken ist immer einfach“, teilte die Gruppe auf Twitter mit. Das klingt ein bisschen nach „Volksverräter“. War aber sicher ganz anders gemeint.

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