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Extremismus : Die verhöckerte AfD

Thüringens AfD-Chef Bernd Höcke Bild: dpa

Den Provokationen aus der AfD folgt regelmäßig ein Aufschrei und dann das Echo aus der Partei: Wir sind nicht so! Aber wie oft will die AfD das noch sagen? Ein Kommentar

          Muss die Republik über jedes Stöckchen springen, das ihr die Provokateure der AfD hinhalten? Es geht wohl nicht anders. Die AfD zählt darauf, und der Rest der Republik reagiert zwangsweise aus Selbstachtung. Mangels inhaltlicher Profilierung ist die AfD sogar darauf angewiesen. Da in Deutschland nichts besser provoziert als ein Elefant im Porzellanladen der Vergangenheitsbewältigung, spielen streitlustige AfD-Politiker besonders gerne diese Rolle. Aus ihrer Sicht gilt das neue Gesetz: Der Erfolg ist garantiert.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Jetzt also wieder Björn Höcke, der wie viele andere AfD-Politiker sein politisches Selbstbewusstein daraus zieht, „politisch inkorrekt“ zu sein. Der Landesvorsitzende aus Thüringen bezeichnete das Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande", in einer Rede, die zur Revision deutscher Geschichtspolitik aufrief; Höcke sprach von „dämlicher Erinnerungskultur“, womit schon die geistige Reichweite seiner Ausführungen angedeutet ist.

          Der Aufschrei war groß, bis sich herausstellte, dass Rudolf Augstein und Martin Walser Vergleichbares gesagt hatten, wenn auch auf höherem Niveau. Sind das nun alles Nazis? Wenn nicht, warum ist dann Höcke ein Nazi? Um das zu begründen, hätte man sich mit der Rede etwas ausführlicher beschäftigen müssen. So aber, da nicht mit dem Florett, sondern gleich mit der Nazi-Keule zurückgeschlagen wurde, war die Überzeugungskraft der AfD-Gegner sehr schnell verbraucht.

          Nicht so das Provokationspotential der AfD. Das hat immer noch eine Volte in der Hinterhand. Eine der wenigen zielsicheren Distanzierungen von Höcke kam nämlich nicht etwa aus anderen Parteien, sondern aus der AfD selbst, vom Vorstandsmitglied Dirk Driesang. Der hatte sich der Mühe des Arguments unterzogen. Damit hatte die AfD nun auch noch den Vorteil, dass der Eindruck entstand, in ihren Reihen herrsche der Pluralismus, den andere zur Wahrung ihres intellektuellen Besitzstands ohne langes Zögern über Bord werfen.

          Acht Vorstandsmitglieder, hieß es schließlich, seien ähnlich wie Driesang so empört, dass sie für ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke plädierten. Das Signal sollte wohl heißen: Seht her, die AfD ist ja gar nicht so - Höcke ist bloß eine kleine Minderheit. Zum Ausschlussverfahren kam es dann natürlich nicht, denn auch die acht Vorstandsmitglieder wissen: Die Partei wäre nur halb so groß und „aufregend“, wenn sie auf Provokateure wie Höcke verzichten würde.

          Indem sie allerdings darauf verzichtet, blättert der „bürgerliche“ Lack der Partei immer weiter ab. Schon jetzt muss ein Bürgerlicher tief gesunken sein, um in der AfD einen politischen Jungbrunnen zu sehen. Der letzte Strohhalm, an den sich die bürgerlichen Reste in der AfD unter Führung Alexander Gaulands klammern, ist die Illusion, Leute wie Höcke unter Kontrolle zu halten. Sie merken dabei nicht, dass es vielleicht umgekehrt ist: Sie sind längst selbst wie Höcke.

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