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Desinformation im Internet : Brennende Wasserhähne

Heiße Sache: Ein Bild aus dem Trailer des Films „Gasland“ Bild: CMG

Desinformation breitet sich im Internet schnell und erfolgreich aus. Dagegen kann Aufklärung auch nach Jahren kaum etwas ausrichten. Das Beispiel Fracking.

          Vor der Abstimmung im Europäischen Parlament über „Acta“, das europäische Abkommen zum Urheberschutz, musste man 2012 im Internet eine niederschmetternde Beobachtung machen. Ein Propaganda-Video der Acta-Gegner, das von „Anonymous“-Netzaktivisten produziert worden war, bekam auf Youtube hunderttausendfachen Zuspruch. Ein Jurastudent hatte erkannt, dass in diesem Video hemmungslos Unwahrheiten verbreitet wurden, und veröffentlichte ein „Gegen-Video“, das für Aufklärung sorgen sollte. Es wurde nur ein paar tausend Mal aufgerufen.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Hemmungslos waren auch Anti-Acta-Videos, in denen angeblich gezeigt wurde, wie Hunderttausende auf den Straßen und Plätzen großer Städte in ganz Europa gegen das Abkommen protestierten. Überprüft wurde der Inhalt dieser Videos nicht. Die Abstimmung im Europäischen Parlament war ein Triumph für die Propagandisten: Eine große Mehrheit stimmte gegen Acta. Der Erfolg ging aber noch weiter. Er wurde als Zeichen einer neuen Öffentlichkeit, der Kraft der Netz-Meinungsbildung und als Ausdruck einer neuen Form direkter Demokratie gefeiert.

          Wiederholen sich solche Manipulationen der öffentlichen Meinung? Das Beispiel „Fracking“ zeigt, dass ähnliche Versuche auch scheitern können - auch das mit Hilfe der Netzöffentlichkeit. Zunächst aber lief alles auch hier so ähnlich wie immer: Die Gegner setzten sich so geschickt in Szene, dass ihre „Wahrheit“ nahezu unangefochten war. Als Knüller mit geradezu globaler Massenwirkung erwies sich die Sache mit den „brennenden Wasserhähnen“. Sie stammt aus dem amerikanischen Film „Gasland“ von Josh Fox aus dem Jahr 2010. Dort werden „Opfer“ der amerikanischen Fracking-Industrie vorgestellt, unter anderem dadurch, dass sie bei sich zu Hause Wasserhähne aufdrehen und das Methangas, das daraufhin ausströmt, entzünden.

          Spektakuläre Szenen

          Das sind spektakuläre Szenen, die ihre Wirkung nicht verfehlten. In den Jahren danach wurden sie wieder und wieder gezeigt - besonders dort natürlich, wo Stimmung gegen „Fracking“ gemacht werden sollte, also auch in Deutschland. Kaum ein politisches Fernsehmagazin, kaum ein Nachrichtenportal im Internet verzichtete auf die Bilder. Bis heute werden von Bürgerinitiativen Vorführungen des Films organisiert. Die Grünen, die Linkspartei und Teile der SPD bestritten 2013 mit dem Wasserhahn-Motiv ihren Bundestagswahlkampf. Bis heute werben Bundestagsabgeordnete für den Film.

          Symptomatisch für den Umgang mit der Wahrheit im Internet ist „Wikipedia“. Wer wissen will, was es mit „Gasland“ auf sich hat, sollte die amerikanische Version der Enzyklopädie aufrufen. Denn auf der deutschen „Wikipedia“-Seite über „Gasland“ wird seit Jahren für den Film geworben, indem das überschwängliche Lob mehrerer Filmkritiker zitiert wird. Ergänzungen, die darauf hinwiesen, dass daran Zweifel angebracht seien, wurden noch 2013 rückgängig gemacht. Zuletzt durfte dann immerhin doch der Hinweis auf einen amerikanischen „konservativ-libertären Thinktank“ stehen bleiben, der solche Zweifel artikuliert hatte - obwohl die Kritik an „Gasland“ aus einer ganz anderen als einer „konservativ-libertären“ (sprich: verdächtigen) Quelle stammt.

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