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Desinformation im Internet : Brennende Wasserhähne

Nur ein Jahr nach der Premiere von „Gasland“ hatte sich nämlich der amerikanische Journalist Phelim McAleer auf die Spur der Interviewpartner des Films gemacht, um deren Angaben zu überprüfen. Wenigstens bei einem der Wasserhähne kam er zu dem Ergebnis, dass er auch dann zum Brennen hätte gebracht werden können, wenn es kein „Fracking“ in der Nähe gegeben hätte - weil Methan im Trinkwasser je nach örtlicher Geologie ein längst bekanntes und altes Phänomen ist. Es handelte sich also um ein Naturphänomen. Darauf hatte die Fracking-Industrie zwar schon in einer Stellungnahme hingewiesen - aber wer glaubt ihr schon? Auch andere tendenziöse Kernaussagen des Filmes - etwa, dass Landeigentümer durch das Fracking um den Wert ihres Besitzes „betrogen“ worden seien - korrigierte McAleer und produzierte 2011 seinerseits einen Dokumentarfilm darüber: „FrackNation“.

Opfer seines Erfolgs

Nicht nur dieser Film führte dazu, dass zumindest in Amerika „Gasland“ zwei Jahre nach einer grandiosen Erfolgswelle an Glaubwürdigkeit einbüßte. Er wurde in gewisser Weise Opfer seines eigenen, wenn auch ungeschmälerten Erfolgs, und der beruhte weiter maßgeblich auf den brennenden Wasserhähnen. Sie animierten schon 2010 zu zahlreichen Privatvideos, in denen tatsächliche oder vermeintliche Fracking-Opfer einem Millionenpublikum im Internet ihre brennenden Wasserhähne vorführten. Viele davon taten das, um eine Entschädigungsklage gegen die jeweilige Fracking-Firma in ihrer Nähe durchzusetzen, die für das Methan im Trinkwasser verantwortlich gemacht wurde.

Die Fracking-Industrie ging allen diesen Fällen nach. Einer der Kläger geriet in Texas an einen Richter, der es so machte wie McAleer: Er ging der Sache auf den Grund. So entstand 2013 der „Lipsky-Fall“, benannt nach dem Kläger. Er hatte, wie sich herausstellte, seinen Wasserhahn so präpariert, dass Gas ausströmte - er hätte den Wasserhahn auch gleich ans Gasnetz anschließen können. Der Richter sprach von einer Täuschung. Sie war nicht weit von der Irreführung in „Gasland“ entfernt, die auch „Gasland II“ vorgeworfen wurde, der Fortsetzung, die Josh Fox 2013 produzierte - wieder mit brennenden Wasserhähnen. Für den Wasserhahn-Mythos war aber der Fall aus Texas eine fatale Wende. Seither heißt es mitunter, die „brennenden Wasserhähne“ seien allesamt erstunken und erlogen - obwohl auch das falsch ist.

„FrackNation“ hatte trotz der darin aufgegriffenen eklatanten Fälle von Desinformation bei weitem nicht den Erfolg wie „Gasland“. McAleer ging es ähnlich wie jenem Jurastudenten, der den Humbug über Acta richtiggestellt hatte. Einen deutschen „Wikipedia“-Artikel sucht man über „FrackNation“ vergeblich - im „Gasland“-Artikel wird er nicht einmal namentlich erwähnt*. Die Verbreitung im Netz ist entsprechend ungleich verteilt: Auf „Gasland“ stößt unweigerlich, wer sich mit Fracking beschäftigt - nach „FrackNation“ dagegen muss er suchen und ist dann meist auf amerikanische Quellen angewiesen.

Doch die Arbeit von McAleer führte immerhin dazu, dass die Anti-Fracking-Kampagne ihre Lufthoheit einschränken musste. Es dauerte allerdings Jahre, bis sich der differenzierte Journalismus McAleers gegenüber Kampagnenjournalismus wie dem von Josh Fox behaupten konnte. Als die Fracking-Diskussion im Wahljahr 2013 in Deutschland hochkochte, wurde weiterhin regelmäßig auf „Gasland“ verwiesen, nur selten auf „FrackNation“. Noch im August dieses Jahres kündigte der öffentlich-rechtlich finanzierte Fernsehsender „Arte“ den Kampagnenstreifen „Gasland“ reißerisch an. Der Hinweis auf die „Flammen aus dem Wasserhahn“ durfte natürlich nicht fehlen.

* Nachtrag (19. November 2014): Wikipedia hat auf diesen Artikel reagiert und erwähnt „FrackNation“ nun auch mit Namen.

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