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Harte Bretter : Rampensau oder Conférencier?

Conférencier im Forum: Peer Steinbrück in Hamburg Bild: dpa

CDU und SPD wandten sich auf ihren Kundgebungen auf unterschiedliche Weise an die Wähler. Denn der Bundestagswahlkampf war auch ein Kulturkampf um die Frage: Frontal oder Forum?

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          Frontal oder Forum? Der Bundestagswahlkampf ging auch um diese Glaubensfrage. Wie spreche ich die Wähler besser an: von oben herab, vom Rednerpult, gestikulierend und brüllend, Rampensau und Masse –- oder auf Augenhöhe, als Conférencier, locker herumspazierend, mal hierhin, mal dahin gerichtet, „einer von uns“? Sollte man mit einer kämpferischen Rede auftrumpfen, die Stunden dauern kann; oder mit Antworten auf Fragen brillieren, die aus dem Publikum kommen? Sollte begeistert werden oder überzeugt? Form oder Inhalt?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die SPD hatte sich für das Forum entschieden, das Rondell, die Zirkuskuppel, unter der sich Peer Steinbrück mit „Klartext“ präsentierte – redegewandt, schlagfertig, spontan, kompetent und volksnah. Das war ihm auf den Leib geschneidert, eine Rolle, in der er sich sichtlich wohl fühlte.

          Die gesammelten Fragen, die Steinbrück zu beantworten hatte, ließen allerdings keine Überraschung aufkommen –- sie stammten schließlich aus den eigenen Reihen, spielten ihm damit die Bälle zu, die er nur noch routiniert versenken musste. Doch das Wichtigste daran war: Es ging um die Sache. Geht es aber immer zur Sache, wenn es um die Sache geht?

          Von wegen Demobilisierung: Angela Merkel frontal in Berlin
          Von wegen Demobilisierung: Angela Merkel frontal in Berlin : Bild: AP

          Deshalb gibt es Frontal. Die traditionelle Sitzordnung im Wahlkampf erfreut sich bei der CDU noch immer großer Beliebtheit, obgleich gerade sie in dieser Kampagne nicht ein Schlachtross hinterm Podium aufzubieten hatte, wie es Helmut Kohl oder Gerhard Schröder war. Würde sich also „Mutti“ nicht viel leichter tun, wenn sie es machte wie Peer Steinbrück?

          Immerhin macht auch die CDU Konzessionen an den „amerikanischen“ Stil, wenn auf der Rednerbühne plötzlich Sitzgruppen, Stehtische, Moderatoren oder „Talkmaster“ auftauchten. Doch den „langweiligen“ Klassiker, die fauchende, stampfende und dampfende Wahlkampf-Lokomotive hinterm Mikrofon, lässt sie sich nicht nehmen. Auch wenn das im Falle Merkels allenfalls eine surrende Lokomotive ist.

          Sind die Wähler der CDU anders als die der SPD, wollen sie das so, die anderen nicht? Die SPD hatte bei ihren Frage-und-Antwort-Spielen das Problem, dass mitreißende Spannung nicht aufkommen wollte - –jede Antwort bot Steinbrück nur einen kurzen Bogen, von dem er wusste, dass er zu kurz war, weshalb er am Ende, nach all den Antworten, dann doch noch einmal zu einem Rundumschlag ausholen musste, der mitreißen sollte, wer bis dahin nicht mitgerissen war. Wer vom Platz ging, sollte denken: Der weiß Bescheid, der will, was wir wollen, der kann es.

          Wer frontal redet, lässt sich darauf gar nicht erst ein. Dass er es kann, dass er weiß, was er will, das steht für ihn schon fest, bevor er die Bühne betritt. Die CDU wendet sich deshalb nicht an autoritätshörige Wähler, die bei der SPD die Orientierung verlören. Angela Merkel ging es zwar nicht weniger als Peer Steinbrück um die Sache; aber als Regierungschefin hat sie auf viele Fragen nicht die Klartext-Antworten zu bieten, die immer auch einfache Antworten sind –- die Antworten der Opposition.

          Der Eindruck von Sachverstand ergibt sich deshalb für sie nicht aus der Summe der kompetenten Antworten, die sie nah beim Menschen gibt. Es muss schon ein Funke überspringen, der Vertrauen schafft. Die vielen kleinen Spannungsbögen müssen sich zu einem großen fügen, in dem es dann eigentlich egal ist, um welche Details in der Sache noch gerungen wird. Drehofer? Herummerkeln? Wer frontal antritt, muss nicht immer klar sein, nur klar wirken. Der CDU reicht es, dass die Leute vom Platz gehen und über Angela Merkel sagen: Die weiß schon, was sie macht. Frontal, nicht Forum ist deshalb die Kampfstellung der Volkspartei.

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