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„Harte Bretter“ : Die Verdummung des Abendlands

Zweitens sind es ganz offensichtlich erfahrene „Ordner“, die den Protestzug lenken. Wer einmal im Fußballstadion war, weiß, wie das funktioniert: Einpeitscher nehmen Schlachtrufe auf, skandieren sie laut, damit schüchterne Rufe sich zum Massenchor ausweiten. Entlang des „Spaziergangs“ liefen in Dresden solche „Verstärker“, um den „spontanen“ Volkswillen zu artikulieren oder anzutreiben.

Parteien, Politiker, Presse, Parlamente - alles Pack?

Den Teilnehmern der Demonstrationen gibt das ein Gefühl lautstarker Selbstbestimmung. Tatsächlich sind sie aber buchstäblich Mitläufer, denen genau das widerfährt, was sie so heftig kritisieren: Sie werden manipuliert. Das bezieht sich nicht auf „linkes“ oder „rechtes“ Gedankengut, sondern auf die Geisteshaltung, die so gut wie alle Teilnehmer mitbringen: ihre Politiker- und Politikverdrossenheit oder, noch radikaler, ihre Verachtung gegenüber Parteien, Politikern, Presse und Parlamenten.

In Gesprächen wird das nicht als Zeichen der Vereinfachung, sondern als Ausweis der Klugheit vorgetragen: Nur wer die Dinge „durchschaue“, sei gegen die „Polit-Elite“ und deren Spielchen. Warum Politik in einer Demokratie so funktioniert, wie sie funktioniert, wird nicht auf den Widerstreit von Interessen zurückgeführt, sondern allein auf das Bedürfnis einer privilegierten Kaste, sich zu bereichern, Widerspruch nicht zu dulden, und den wahren Willen des Volkes zu brechen. Auch das hat „Pegida“ übrigens mit „linker“ Systemkritik gemein, die hinter korrumpierten, von Lobbys gesteuerten Berufspolitikern die „Fratze des Kapitalismus“ enthüllen wollen.

Wie wenig solche Systemkritik mit der Wirklichkeit zu tun hat, äußert sich vor allem darin, dass für „Pegida“ in Deutschland eine Meinungsdiktatur herrscht, Meinungsvielfalt also unterdrückt wird. Ausgerechnet „Pegida“ ist seit Wochen ein Objekt der Berichterstattung, aus der ihre Anhänger das ganze Gegenteil ableiten müssten. Was sich abspielt, ist Aufklärung durch vielfältige Öffentlichkeit – ohne die es keine Demokratie geben kann. Doch genau das ist für „Pegida“ das Gegenteil von wahrhaftiger Politik. Die besteht für sie aus einer Art Putin-Prinzip: Es kann nur einen geben, der die Wahrheit kennt und verkündet. Alles andere sind Erfindungen der „Lügenpresse“. Sie dient den Betreibern der Bewegung als willkommenes Feindbild, solange sie ihr nicht „die“ Wahrheit liefert, die sie gerne hätten.

Aus „Pegida“ spricht das abgrundtiefe Misstrauen von Außenseitern gegenüber der traditionellen, bürgerlichen Öffentlichkeit, in der sich aus einer Fülle von Perspektiven „die“ öffentliche Meinung bildet. Das Schlimme daran ist, dass zu den Außenseitern vor allem solche Leute gehören, die sich als „bürgerlich“ bezeichnen. Ihr Pegida-Gefühl setzt auf ein anti-bürgerliches Führerprinzip, das sich auf Facebook in Form von gleichgerichteter Schwarmintelligenz formiert. In Dresden ist sie zum ersten Mal zu einer politischen Massenbewegung geworden, die sich nicht einem Nischenthema widmet, sondern die Demokratie als solche im Blick hat.

Die Sehnsucht nach dem Tunnelblick auf die Wahrheit ist deshalb nicht nur ein Ergebnis der Vertrauenskrise, mit der Politiker in Deutschland schon seit längerem zu kämpfen haben. Sie ist auch das Produkt einer neuen Öffentlichkeit, in der Aufklärung als Lüge abgestempelt wird, und die Lüge als Wahrheit und Offenbarung gefeiert wird. Nicht die Islamisierung des Abendlandes ist deshalb die größte Gefahr für die Demokratie in Deutschland und anderswo. Sondern die Verdummung.

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