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Harte Bretter & Maulwürfe : Wo ist Hegel?

Der Garten sah aus wie ein Schlachtfeld. Überall abgetragene Hügel, eingestürzte Gänge, Schlammspuren, Löcher. Wie Verdun.

          Wer einmal einem Maulwurf gegenüberstand, der vergisst das sein Lebtag nicht. Zum Henker, denkt man, den Spaten in der Hand, warum soll man sich den Garten zerstören lassen? Garten!? Ein bescheidenes Handtuch, ein paar Blumenbeete, ein Sandkasten, ein selbstgebasteltes Gartenhäuschen. Was man eben so erreicht hat im Leben. Ein Schlag auf den Erdhügel, der sich da gerade nach oben ans Licht drückt, ein Hieb mit der Kante ins subterrane Dunkelreich, und die Verwüstungen im Doppelhaushälftenparadies haben ein Ende. Dieses Mistvieh, dieser Lästling. Diese Talpa europaea! Kurzer Prozess!

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die Kinder waren sich mal wieder einig: „Dann bist du ein Killer!“ Und wie sieht das auch aus: Mit einem Spaten bewaffnet, weit ausholend, auf ein Erdhügelchen einschlagend, ohne genau zu wissen, ob man trifft, also immer noch einmal eindreschend, mit hochrotem Kopf, der Dreck fliegt nur so durch die Luft. Vielleicht auch das eine oder andere Maulwurfteil. Grausamer als bei Wilhelm Busch. Am helllichten Tag. Einfach lächerlich. Wenn das jemand sieht.

          Und überhaupt: Es ist ja strafbar. Der Maulwurf steht unter Naturschutz. Killen verboten. Vergrämen erlaubt.

          Der unerfahrene Gärtner hält den Maulwurf zuerst für eine Wühlmaus. Weil der Aushub winzig ist, der erste Gang dicht unter der Oberfläche liegt. Das einzige, was eine Wühlmaus da noch mit einem Maulwurf gemein hat, ist die Methode zur Vertreibung: Es muss übel riechen. Das mag sie nicht, die Maus. Also versucht man es mit Knoblauch und Curry. Zwecklos. Ein Hügel, zwei Hügel, zwei große Hügel. Es ist ein Maulwurf, kein Zweifel. Die „Wühlmaus“ war nur sein Sondierungstunnel. Jetzt kommen also Wohngänge, Jagdgänge, Verbindungsgänge, Belüftungstunnel - das ganze Revier?

          Knoblauch und Curry riechen gar nicht so übel, scheint es. Was gibt es sonst noch? „Ausräuchern“, sagt jemand. Warum gleich so brutal? Maulwürfe reagieren auf Geräusche. Die sanfte Methode: Einen Stab in den Hügel stecken, darauf umgekehrt eine Flasche stecken, die scheppert, wenn er grabend an die Stange stößt. Dann haut er ab. Funktioniert aber nicht. Im Gegenteil. Am nächsten Tag ziert die Stange neuer Aushub, ein paar Schritte weiter noch ein frischer Hügel, und noch einer. Und noch einer!

          Was macht er bloß da unten? Wo kommt er her? Vor allem: Wo soll er hin? Weit und breit nur Zufahrten, Straßen, Mauer, Asphalt. Da müsste er schon einen Stuttgart-21-Tunnel hinlegen, um unterirdisch das Weite zu suchen. Aber wer weiß? Diese kleinen Monster können ja auch das Zwanzigfache ihres Gewichts nach oben drücken. Und fressen ein Mehrfaches ihres Körpergewichts - am Tag. Regenwürmer vor allem. Ein „mörderisches“ Tier sei der Maulwurf, ein Raubtier, steht deshalb bei Brehm und in Meyers Konversationslexikon aus dem Kaiserreich.

          Da dachte der Volksgeist allerdings auch noch, dass er Wurzeln frisst. Dabei hatte Johann Peter Hebel in seinem „Schatzkästlein“ längst jedem Gärtner ins Gewissen geredet: Wo erst einmal ein Maulwurf auftaucht, da ist das Wurzelwerk schon krank, also schlecht gepflegt. Tugend und Untugend liegen beim Maulwurf eng beieinander, weshalb Gottfried August Bürger dem Maulwurf und dem Gärtner ein Gedicht widmete. Mit einem grausamen Schluss.

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