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Harte Bretter : Die Rocky Horror Hitzlsperger Show

Thomas Hitzlsperger Bild: WITTERS

Es sollte in Deutschland nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“

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          Das harmlose „Coming out“ eines Fußballspielers hat sich innerhalb weniger Stunden zu einer Rocky Horror Hitzlsperger Show entwickelt. Mit gewohnter Eilfertigkeit setzen die üblichen Verdächtigen deutscher Gesellschaftspolitik zum Time Warp an, wir erinnern uns: Hände an die Hüften, Knie zusammen, das Becken drei Mal nach vorne. Die Schwarmintelligenten, angeführt von Manuela Schwesig, geben im deutschen Spukschloss eine köstliche Vorstellung, an der die ganz Schlauen kritisieren, dass wir das ja nur nötig hätten, weil wir Homosexualität noch immer als etwas Besonderes, nicht als die Norm, nicht als etwas Gleichberechtigtes, sondern als Verirrung, als Tabu und unnormal empfänden. Aber auch wer nicht mittanzt, ist ein Spielverderber, den ein homophobes Virus daran hindert. Der deutsche Michel darf es sich also aussuchen, warum er ein Schwulenfeind ist. Dass er es ist, soviel ist sicher.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Wie man dazu kommt, ist ganz einfach: Die Time-Warp-Tänzer stellen sich Fußballstadien vor, wie sie sich Leute vorstellen, die noch nie eines besucht haben, und nehmen dann ihre Vorstellung als den Spiegel der Gesellschaft. Das überraschende Ergebnis: In Deutschland geht es nicht viel besser zu als in Russland oder anderen Ländern, in denen sich Männer nur stark fühlen, wenn sie grölend Schwulen-Witze erzählen oder in schwulenfeindlichen Parlamenten diskriminierende Homo-Paragraphen abnicken lassen. Die Hitzlsperger-Show soll sagen: Sotschi ist überall.

          Für die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Es ist eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genau so rechtfertigen sollte, wie das die Politiker oder Geistlichen oder Eltern tun müssen, denen Homophobie unterstellt wird, nur weil sie eine abweichende Meinung haben, etwa über den künftigen Schulunterricht in Baden-Württemberg.

          Dazu wäre die Schwulen- und Lesben-Lobby aber nur in der Lage, wenn sie erkennen würde, dass es ein Unterschied ist, ob Toleranz verlangt wird oder ob es um die blinde Anerkennung jedweden Interesses geht, das sie als Akt der Gleichberechtigung einfordert. Nicht alles, was da gefordert wird, muss schon deshalb richtig sein, weil es um Schwule oder Lesben geht. Das gilt übrigens auch für die Homo-Ehe. Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: „Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.“

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