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Erinnerung an Norwegen : Dämonen des Populismus

Göteborg im Mai: Die „English Defense League” feiert sich zusammen mit ihrer schwedischen Schwesterorganisation Bild: REUTERS

Nach dem Massenmord in Norwegen beschwor das Land seine „Offenheit“. Doch war damit nicht eigentlich Geschlossenheit gemeint? Die Geschlossenheit, die Populisten und politisch Korrekte brauchen, um ihr Süppchen zu kochen? Wie jetzt wieder in Großbritannien.

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          Es dauerte keine drei Wochen, bis die fremdenfeindliche „English Defense League“ ihre Sprache wiedergefunden hatte, eine der von Anders Behring Breivik gefeierten Demagogenparteien. Sie bot ihre Anhänger als Hilfspolizei feil, die in den englischen Unruhestädten besorgen soll, was der Staat offenbar nicht kann oder nicht will.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Es ist das alte Lied: Missachtung der Interessen der Mitte wird mit Extremismus bestraft, und sei es mit dem Extremismus der Mitte. Seit dem 22. Juli tragen radikale Populisten in Europa das Kainsmal auf der Stirn, und es gibt keinen Grund, sie deshalb zu bedauern. Sie tragen keine Verantwortung für die Taten Breiviks, aber auch nur deshalb, weil sich bei vielen von ihnen Taubheit dort ausbreitet, wo andere Verantwortungsgefühl haben.

          Es gibt mehr Populisten, als man denkt. Sie haben viel zu tun. Ihnen ist es egal, ob sie Rechts- oder Links-, ob sie Grün-, Gelb- oder Schwarzpopulisten, ob sie Islam- oder Christpopulisten genannt werden. Sie wollen „Gutes“ tun und endlich einmal Tacheles reden - sie wollen, dass Parteien, Abgeordnete, Medien, kurz: die Öffentlichkeit, sie endlich ernst nehmen, endlich beachten und endlich etwas tun. Gestern gegen Einwanderer, heute gegen Plünderer, morgen gegen Finanzhaie. Sie erkennen Missstände, überschreiten aber Grenzen, erfreuen sich an der Polarisierung, berauschen sich an ihrer Wirkung und legen deshalb immer wieder nach. Bis sie sagen müssen: Das wollten wir nicht.

          Psychologe Jens Hoffmann zu Norwegen und : „Die Täter hätten sich anders entscheiden können.“

          Heute gibt es viele Öffentlichkeiten

          Der Aufstieg von Populismen zur Massenbewegung ist auch damit zu erklären, dass es diese eine Öffentlichkeit nicht mehr gibt: Es gibt viele. Populisten finden und erfinden ihre Öffentlichkeit, in der ihr „Sprech“ sofort verstanden wird. Die meisten dieser vielen Öffentlichkeiten entwickeln sich im Internet. Kein anderes Medium ist so in der Lage, eine Öffentlichkeit herzustellen, die sich ständig selbst einschwört und reproduziert, die sich durch algorithmische Personalisierung vorgaukeln lässt, sie sei eine relevante, breite Öffentlichkeit. Das sogenannte Manifest Breiviks ist genau das: der Versuch, einer für populistische Vereinfachungen anfälligen Internetgemeinde durch die Reproduktion ideologischer Versatzstücke eine aufgeblähte Öffentlichkeit zu geben.

          Sein antiislamischer Extremismus unterscheidet sich darin nicht vom Islamismus. Der geht genauso vor. Mit ebenso fatalen Ausgeburten kaltblütiger Gewalt. Die Gesellschaften, gegen die sich dieser Terror richtet, sind Gesellschaften, die nur funktionieren, wenn ihre Öffentlichkeit funktioniert. Das unterscheidet sie von nichtdemokratischen Gesellschaften. Norwegen, wie alle anderen von ideologischem Terror bedrohte Demokratien, lobte und beschwörte deshalb seine Toleranz, seine Demokratie, vor allem aber seine „Offenheit“. Aber ist mit Offenheit nicht eigentlich und gerade Geschlossenheit gemeint? In Norwegen scharte sich eine Nation um die Sozialdemokratie, nicht nur im Sinne des Parteinamens; in Großbritannien verteidigt nachbarschaftliche Bürgerschaft ihre Werte gegen den Mob (und gegen staatliches Versagen). Es ist das Gehege der Gemeinschaft, in das sich eine Gesellschaft rettet.

          Totale politische Korrektheit

          Es ist aber gerade der rituell gepflegte Konsens, der die Dämonen ruft. Die norwegische Fortschrittspartei oder die „English Defense League“ sind wie viele andere populistischen Parteien und Bewegungen in Europa entstanden, weil routinierte Parteien und eine pingelig gehütete Konsensgesellschaft unter dem Banner der „Offenheit“ so taten, als hätten sie die Öffentlichkeit gepachtet. Das ging nur so lange gut, wie es ihnen tatsächlich gelang, die öffentliche Meinung zu beherrschen. Irgendwann aber waren die Widersprüche zu groß, die Versäumnisse nicht mehr zu verbergen. Irgendwann waren Offenheit, Toleranz, Demokratie nur noch Lippenbekenntnisse, die Eigennutz vor Gemeinwohl stellten. Irgendwann blieb vom Richtigen, das in der „Offenheit“ steckt, nur noch das Habituelle, das Korrekte.

          Vielleicht liegt es daran, dass den Anschlägen von Norwegen nicht die Anschuldigungen folgten, die üblicherweise zu erwarten sind. Die Korrekten wussten plötzlich nicht mehr sogleich, was korrekt ist; die Unkorrekten nicht, was unkorrekt sein könnte. Nur vereinzelt gibt es Versuche, ein populistisch korrektes Süppchen zu kochen. Denn auch in Zeiten der Trauer funktioniert die Sache mit den vielen Öffentlichkeiten im Internet. Und wie könnte es anders sein, dass es in Deutschland die Gegner des multikulturellen Experiments traf, die Islamkritiker, die Gegner der Grünen und der Sozialdemokratie, die sich allerdings schon selbst, wie der Rest der westlichen Demokratien längst von „Multikulti“ und einer naiven Islamverehrung verabschiedet hatten, übrigens auch in Skandinavien - unter anderem deshalb, weil sich die politisch korrekte Offenheit, die sie propagiert hatten, ein Irrweg war.

          Die „politische Korrektheit“, gegen die sich der Hass des norwegischen Attentäters richtete, gipfelt in der totalen politischen Korrektheit, die gerade er seiner Welt durch Mord und Schrecken aufzwingen wollte. Die Wächter dieser Konformität, die unsere Öffentlichkeit in ein Gesinnungslager verwandeln möchten, tragen deshalb wie die Populisten das Kainsmal auf der Stirn, und es gibt ebenso wenig Grund, sie dafür zu bedauern.

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