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Freispruch für Christian Wulff : Die Majestäten

Christian Wulff nach seinem Freispruch Bild: REUTERS

Christian Wulff wurde zum Verhängnis, dass er partout „dazugehören“ wollte - zum VIP-Bereich des öffentlich-privaten Lebens. Mit einem Amt verträgt sich das nur schwer.

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          In den Schilderungen Christian Wulffs begegnen einem zwei Persönlichkeiten. Die erste brachte es in den Jahren zwischen 2003 und 2008 zu Anerkennung und Respekt. Das waren die Jahre des ersten Kabinetts der niedersächsischen Landesregierung unter dem CDU-Politiker. Wulff pflügte das Land ziemlich um: Es wurde gespart, es wurde die Verwaltung gestrafft, es wurde ein neues Niedersachsen aufgestellt. Von wegen Schwiegersohn-Image. Wulff war mehr. Wenn er es selbst noch nicht wusste, muss es ihm spätestens 2008 aufgefallen sein.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Mit dieser Jahreszahl begegnet einem schon ein ganz anderer Christian Wulff. Im Januar gewann er die Landtagswahl. Er ließ sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratete Bettina Wulff, die er 2006 auf einer Reise nach Südafrika kennengelernt hatte. In den Schilderungen, wie sich Wulff verändert hat, wird nie ganz klar, was eigentlich Wirkung oder Ursache war. War die neue Frau in seinem Leben schon ein Zeichen dafür, dass er von seinem Amt an der Spitze des Landes mehr erwartete als nur die Mühen der Politik und das Klein-Klein der Landespolitik? Oder wurde dieses Bedürfnis nach mehr erst jetzt so richtig geweckt? Wahrscheinlich ist beides richtig.

          Der VIP-Bereich im Stadion des Lebens

          Sicher ist, dass Wulff schon vorher die „Welt“ kennen gelernt hatte, die ihm immer wichtiger wurde und in die Bettina Wulff so gut passte. Welche Welt ist gemeint? Meist ist von „Glamour“ die Rede, wenn beschrieben werden soll, auf was sich Wulff schon kurz nach dem Regierungsantritt von 2003 eingelassen hat. Oder von „Promis“, oder von der „Maschsee-Connection“. Da ist viel Wahrens dran, aber auch manche Übertreibung. Einigen wir uns darauf: Die Namen, die dazu gehören, gehören zur sogenannten High Society von Hannover, in manchen Fällen auch zur Hautevolee Deutschlands, besser gesagt: zum VIP-Bereich im Stadion des Lebens (denn auch die „Bild“-Zeitung gehört zur „hohen“ Gesellschaft).

          Wulff muss ein unbändiges Verlangen gehabt haben (und haben), zu diesem VIP-Bereich zu gehören. Nicht das Amt des Ministerpräsidenten gab ihm offenbar das Gefühl der Anerkennung. Sondern erst diese „hohe Gesellschaft“. Die Majestäten des bürgerlichen Lebens waren für ihn das Zeichen dafür, es endlich geschafft zu haben. Doch die hohe Gesellschaft war für ihn keine gute Gesellschaft. Sie ist der Grund, warum ihm die Maßstäbe durcheinander gerieten, die er früher als guter Demokrat selbst vehement verteidigt hatte, und warum schließlich weite Teile der restlichen Gesellschaft das Vertrauen in ihn verloren haben. Mit der Begründung: Egal, ob strafrechtlich relevant oder nicht - „das tut man nicht“. In diesem „man“ steckt die ganze Wulff-Affäre.

          Irgendwo dazugehören will jeder. Ohne das Bedürfnis danach, dass „man“ dazugehört, gäbe es keine „Gesellschaft“. Doch wer will schon nur das gewöhnliche „man“ sein? Vielen reicht das nicht. Sie wollen mehr. Das Bedürfnis nach Anerkennung und das Bedürfnis nach Ruhm liegen ohnehin eng beieinander. Die Boulevard-Medien nutzen das aus („Deutschland sucht den Superstar“), und die Politik hat eine Schwäche dafür. Je höher man steigt, desto größer wird die Versuchung nach mehr und mehr, höher und höher, feiner und feiner, wichtiger und  wichtiger.

          Zwischen Hautevolee und Bellevue

          Und ist das Verlangen, zur „guten Gesellschaft“ zu gehören, nicht auch das natürliche Verlangen eines Ministerpräsidenten? Oder, da es um die hohe bürgerliche Gesellschaft geht, das natürliche Verlangen eines CDU-Ministerpräsidenten? Andere vor Wulff konnten das in Niedersachsen allerdings auch ganz gut. Gerhard Schröder etwa, der das pralle feine Leben anschließend in Berlin zu seinem Markenzeichen machen zu wollen schien, bis er merkte, dass er sich damit von seinen SPD-Wurzeln allzu weit entfernen würde.

          Wulff aber wollte zwischen VIP-Bereich und Staatskanzlei, zwischen Hautevolee und Bellevue nur noch so unterscheiden, als sei das eine strikt privat, das andere strikt öffentlich. Doch geht das noch in der Wichtig-wichtig-Society? Ging das überhaupt jemals in der High Society? Urlaub hier, Einladungen dort und Friede mit Kai Diekmann - das macht „man“, das machte Wulff eben so in „seiner“ Welt, die nicht mehr die Welt seiner Wähler war. Die Verquickung mit dem Amt, ob als Ministerpräsident, erst recht als Bundespräsident, bedeutete aber, dass es so wirken musste, als fühle sich Wulff nur dann so richtig souverän, wenn für ihn die Umgangsformen, die Etikette, der Augenaufschlag der Hautevolee gelten.

          Der VIP-Bereich wurde so zum Hofstaat. Das war einmal der Grund, warum die Monarchie von der Demokratie abgelöst wurde. Der „oberste Diener des Staates“ zu sein, das konnte zu Monarchie-Zeiten ja jeder sagen. Er schützte damit doch nur seine Privilegien. Damit wollte die Demokratie, ihr Amtsverständnis und ihre Öffentlichkeit aufräumen.

          Einen Blick in diese fortlebende Vergangenheit bot deshalb auch der Prozess gegen Wulff in Hannover. Dass Angehörige der Schönen und Reichen als Zeugen vorgeladen wurden, kommentierten selbst Beobachter, die man für Republikaner gehalten hätte, als handele es sich um Majestätsbeleidigung.

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