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Die nächste große Reform : Treppenwitze der Energiewende

Wie sicher ist die Versorgung? Der Süden fürchtet Stromausfall, der Norden hat Windkraft im Überschuss. Wie passt das zusammen? Bild: dpa

Die nächste große Reform der Energiewende steht bevor. Die Länder haben Stellung bezogen. Nord- und Süddeutschland passen kaum noch zueinander.

          Vier Jahre nach dem Ausstieg aus der Kernkraft und ein knappes Jahr nach der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) steht die Energiewende wieder am Scheideweg: Wie soll künftig der Strommarkt in Deutschland organisiert werden? Die Entscheidung darüber hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) als „die wohl wichtigste Frage der Energiewende“ bezeichnet. Sein Ministerium hat dazu im Oktober vergangenen Jahres ein „Grünbuch“ verfasst, in dem alle Optionen aufgelistet sind - ein lesenswerter Überblick über Stand und Zukunft der Energiewende. Wie schwierig aber der Weg zum „Weißbuch“ ist, in dem bis Mai dieses Jahres erste konkrete Vorschläge gemacht werden sollen, zeigten die vergangenen Wochen, vor allem aber der Irsching-Schock in Bayern.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Die Frage nach dem „Strommarkt-Design“ dreht sich um ein altes Problem, das man Irsching-Paradox nennen könnte: Wie kann es sein, dass eines der wirkungsvollsten und leistungsfähigsten Gaskraftwerke Europas keinen Strom liefert (das tat es im gesamten Jahr 2014 nicht), sich deshalb für die Betreiber nicht lohnt, aber trotzdem am Netz bleiben muss? Die Antwort ist einfach: weil EEG-Strom aus Wind und Sonne vorrangig ins Netz eingespeist wird und konventionelle Kraftwerke als Rückendeckung der Erneuerbaren für den Fall vorgehalten werden müssen, dass die Sonne nicht scheint, der Wind nicht weht, die Nachfrage nach Strom aber hoch ist. Das Ergebnis sind unrentable Kraftwerke, die sich umso weniger lohnen, je mehr Strom aus erneuerbarer Energie in die Netze eingespeist wird. Das ist ein Grund für die hohen Verluste der Stromkonzerne.

          Das alles beruht aber noch auf einem anderen Nachteil, den alle Gaskraftwerke in Deutschland haben. Gas ist teurer als Stein- oder Braunkohle. Der Strom aus alten, abgeschriebenen Kohlekraftwerken ist deshalb, zumal die Zertifikate im CO2-Emissionshandel so billig geworden sind, im Börsenhandel günstiger und gewinnbringender als der Strom aus neuen, wesentlich klimafreundlicheren Gaskraftwerken. Das ist das zweite Irsching-Paradox: Die derzeitige Konstruktion des deutschen Strommarkts bestraft Investitionen in klimafreundliche, konventionelle, moderne Technik.

          Die Bemerkung des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU), es sei ein „Treppenwitz“, dass die Irsching-Betreiber damit drohten, das Gaskraftwerk abzuschalten, richtet sich aber auch noch gegen ein drittes Irsching-Paradox: Wäre ein solches Kraftwerk ausgelastet und würde damit wenigstens einen Teil der Kernkraft ersetzen, die in den nächsten Jahren vor allem in Süddeutschland wegfällt, könnte man sich mindestens eine der drei neuen Stromtrassen sparen, die Windkraft aus dem Norden in den Süden transportieren sollen. Schon jetzt ist es so, dass eine der Trassen wegfallen könnte, weil nach der EEG-Reform nicht jeder Windstrom vorrangig ins Netz geleitet werden muss, die Überkapazitäten also gedämpft werden.

          Wie aber sieht der Ausweg aus diesen Paradoxien aus? Das „Grünbuch“ sieht zwei Möglichkeiten vor. Entweder es wird ein zusätzlicher „Kapazitätsmarkt“ errichtet, auf dem nur die Leistung gehandelt wird, die konventionelle Kraftwerke oder auch Speicher vorhalten, um Versorgungsengpässe auszugleichen. Das ist mit zusätzlichen Kosten verbunden. Oder der vorhandene Markt wird so weiterentwickelt, dass sich die Kosten der Investitionen konventioneller Technik allein über den Strompreis refinanzieren können (im Fachjargon: „Energy-only-Markt“, kurz: EOM). Dazu ist nötig, dass keine Preisregulierung zugelassen wird - bei Versorgungsengpässen darf der Preis so hoch steigen, dass sich der Betrieb konventioneller Kraftwerke auch dann lohnt, wenn sie nur in Zeiten hoher Nachfrage und niedrigem Angebot, also nur sporadisch „hochgefahren“ werden.

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