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Der Schirm : Die aufklappbare EU

Die Europäer müssen neue Vokabeln lernen: EFSF, EFSM und ESM (nicht zu verwechseln mit EMS) Mit solchen Brettern vorm Kopf lässt sich schwer kommunizieren.

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          Die europäische Einigung ist nicht nur eine Antwort auf den Zweiten Weltkrieg, sondern auch auf Babylon. Sprachverwirrung, die Ausdruck oder Ursache europäischen Verderbens war, soll dem Dialog, den Konferenzen und Verträgen weichen. Nicht ein Turmbau sollte damit fortgesetzt, aber doch ein gemeinsames Haus gebaut werden.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Mit dem Turmbau hat das Haus indessen gemein, dass die Sprachverwirrung wächst, je größer es wird, und mit ihr die Einsicht, dass Politik etwas mit Kommunikation zu tun habe. Steckt die EU oder wie jetzt die Eurozone in einer Krise, oder kündigt sich eine neue Vertragsdiskussion an - meistens folgt das eine aus dem anderen -, dann heißt es schnell, jetzt müsse aber mehr miteinander geredet werden, jetzt müsse die Politik endlich erklären, worum es gehe. Es müssten die richtigen Worte gefunden werden.

          Dann fallen sie wieder, die europapolitischen Vokabeln, die man schon einmal gelernt, dann aber schnell wieder verdrängt hatte, „Brüssel“ einmal ausgenommen. Denn es gibt ja neue. Die Vokabeln, die jetzt gelernt werden müssen, lauten EFSF, EFSM und ESM (nicht zu verwechseln mit EMS). Was sie bedeuten? Meist wird alles mit „Rettungsschirm“ übersetzt.

          Im Schirmständer stehen aber eigentlich nur die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) und der Europäische Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM); der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) hingegen ist deren dauerhafte Fortsetzung. Erklären lässt sich das ungefähr so einfach wie „Maastricht“ oder „Lissabon“. Noch einfacher erklärt sich, dass ein EFSM-Europa auch nach mehrmaliger Erklärung niemand so einfach verstehen wird. Wie soll ein Politiker auch „kommunizieren“, wenn er schon an den Vokabeln scheitern muss?

          Es wird deshalb wohl beim „Rettungsschirm“ bleiben, der allerdings längst mehr ist, sozusagen ein babylonischer Schirm. Was er wirklich ist, wird sich vielleicht erst herausstellen, wenn es eines Tages einen europäischen Finanzminister gibt, der das alles erklären muss. Zum Beispiel, wie sich aus einem Rettungsschirm ein ganzes Finanzministerium ausklappen lässt.
           

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