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Albigs Augenhöhe : Wie elitär ist die SPD-Familienpolitik?

Neues Glück: Torsten Albig (SPD) und Strategie-Beraterin Bärbel Boy Bild: EPA

Das Interview in der „Bunten“ über seine gescheiterte Ehe soll Torsten Albig das Amt gekostet haben. Was er sagte, klang aber irgendwie nach dem Programm der Partei, die ihn jetzt so kritisiert.

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          Politiker werden es sich künftig dreimal überlegen, ob sie es öffentlich kritisieren, dass eine Frau in der Rolle als Mutter und Managerin des Haushalts „gefangen“ ist. So begründete Torsten Albig in der Illustrierten „Bunte“ die Trennung von seiner Ehefrau, was vier Wochen später wiederum dazu beigetragen haben soll, dass sich die Wähler Schleswig-Holsteins von ihrem Ministerpräsidenten trennten. Denn Albig hatte damit einen Monat vor der Wahl etwas Unverzeihliches getan: Er gab seiner Frau die Schuld daran, dass er als Politiker und Ministerpräsident mit jemandem, der sich um den Haushalt kümmert, nicht mehr „auf Augenhöhe“ unterhalten konnte. „Ich war ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushalts gefangen.“ Mit anderen Worten: Wer so eine primitive Arbeit tut, kann die Welt nicht mehr verstehen, in der ich mich bewege.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Wer Elitenkritik provozieren will, kann es nicht besser machen. Das muss auch Albig sofort aufgegangen sein. Deshalb schob er (nach einer „Pause“, wie die „Bunte“-Redaktion vermerkte) einen Satz nach, der nur selten oder gar nicht zitiert wird: „Das werfe insbesondere ich mir heute vor. Deshalb ist es mir so wichtig, diesen Fehler nicht zu wiederholen.“ Machte er es damit aber wirklich besser? Denn das heißt ja nun: Wer eine Frau heiratet, der die Rolle als Mutter und „Managerin des Haushalts“ genug ist, macht einen Fehler – sofern er, wie Albig, zu Höherem berufen ist (und deshalb eine neue, dieses Mal „durchsetzungsstarke“ Partnerin gesucht und gefunden hat). Klingt irgendwie auch nicht gut.

          Aber warum regen sich ausgerechnet die Grünen und die SPD darüber auf? Albig wollte doch ganz offensichtlich als moderner und fortschrittlicher Mann wahrgenommen werden – aufgeschlossen gegenüber Frauen, die mehr sein wollen als nur Heimchen am Herd, abgeneigt gegen Frauen, die das nicht wollen oder können. Irgendwie erinnert die Interview-Passage deshalb an Parteiprogramme, in denen im Kapitel „Familienpolitik“ Frauen und Männer vor reaktionären Frauenbildern gewarnt werden. Das sind die Bilder von der Nur-Mutter und Küche-Kinder-Kirche-Frau, die entweder zu doof und zu langweilig ist oder von ihrem Mann davon abgehalten wird, mit dem Zeitgeist auf Augenhöhe zu sein. In solchen Programmen fehlt eigentlich nur noch die Albig-Passage mit dem Appell an alle Männer: Wer eine solche Frau sieht – gar nicht erst heiraten! Wer es trotzdem tut – nicht wählen!

          Nach der Wahl in Schleswig-Holstein hieß es, Albig habe sich und der SPD damit großen Schaden zugefügt. Besonders Frauen hätten sich von der SPD abgewandt. So stellte das auch SPD-Generalsekretärin Katarina Barley dar. Aber eigentlich ist etwas ganz anderes geschehen. Der Frauenanteil unter den SPD-Wählern veränderte sich unter dem Eindruck der seltsamen Homestory des Ministerpräsidenten nämlich gar nicht so bemerkenswert. Was sich in den Wochen vor der Wahl aber änderte, war die Mobilisierung der CDU-Wähler. Man darf wohl vermuten: darunter war die eine oder andere Frau,  die etwas mehr Mitgefühl für die Frauen mitbringt, die einem Mann die Karriere ermöglicht hat. Vielleicht sogar der eine oder andere Mann.

          Wer aber ist hier also „gefangen“? Gefangen sind Albig und dessen Kritiker in der SPD. Denn es gibt Wähler, die sind so viel unterwegs, dass sie sich mit einer Partei nicht mehr auf Augenhöhe austauschen können, die einen Macho-Opportunismus gegenüber dem Feminismus pflegt. Und das werfen sie sich, auch nach einer kurzen Denkpause, nicht einmal selbst vor.

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