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Hanns Martin Schleyer : Gefangen im eigenen Ruf

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Hanns Martin Schleyer, Gefangener der Rote Armee Fraktion (Herbst 1977) Bild: AP

Vor dreißig Jahren ermordete die RAF Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Wer war der Mann, der für die Terroristen als „Boss der Bosse“ geradezu sinnbildlich stand für die vermeintliche Kontinuität von NS-Staat und Bundesrepublik? Von Nicolas Wolz.

          Der Tag, an dem Hanns Martin Schleyer starb, hatte mit einer guten Nachricht begonnen. Am 18. Oktober 1977, kurz nach Mitternacht, war es der GSG 9 gelungen, die in Mogadischu an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut“ von palästinensischen Terroristen festgehaltenen deutschen Geiseln zu befreien. Doch die Erleichterung währte nicht lange.

          Nur wenige Stunden nachdem auch dieser Versuch ihrer Freipressung gescheitert war, begingen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord. Damit war das Schicksal Schleyers, der sich seit 43 Tagen in der Gewalt der RAF befand, besiegelt.

          Geisel von hohem „Austauschwert“

          Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, welcher der Terroristen des „Kommandos Siegfried Hausner“, das Schleyer am 5. September 1977 in Köln entführt hatte, den Arbeitgeber-Präsidenten mit drei Schüssen in den Hinterkopf tötete. Umso bekannter sind die seither immer wieder dokumentierten Umstände seiner Entführung und Ermordung: der Anschlag in Köln, bei dem der Fahrer und die drei Leibwächter Schleyers getötet wurden, die quälend langen Wochen der Geiselhaft, die „Verhöre“ durch die Entführer, die Botschaften und Hilfegesuche Schleyers an seine Familie und die Bundesregierung, die Weigerung des Bundeskanzlers Helmut Schmidt, den Forderungen der Terroristen nachzugeben, schließlich die Entdeckung des Leichnams im Kofferraum eines grünen Audi 100 im elsässischen Mülhausen.

          „Ich bin verstrickt in Schuld“, sagt Schmidt heute - aber auch, dass er nicht anders handeln konnte, als die Staatsräson über das Leben eines einzelnen Mannes zu stellen.

          Die RAF hatte etwas anderes erwartet. Um ihre in Stammheim einsitzenden Genossen freizupressen, bedurfte es im kaltblütigen Kalkül der Terroristen einer Geisel von hohem „Austauschwert“. Als Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und seit Anfang 1977 auch des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) besaß Schleyer zwar keine „echte“ unternehmerische Entscheidungsmacht. Gleichwohl war er eine öffentliche Figur mit hervorragenden Kontakten in die Spitzen von Wirtschaft und Politik.

          „Kapitalistischer Gottseibeiuns“

          Hinzu kam, dass Schleyer wie kaum ein anderer jenen Kapitalismus und „Imperialismus“ zu verkörpern schien, den die selbsternannten Wegbereiter einer kommunistischen Weltrevolution um jeden Preis meinten bekämpfen zu müssen. Geboren 1915 im badischen Offenburg als Sohn eines Richters, hatte der promovierte Jurist Schleyer nach dem Zweiten Weltkrieg eine steile Karriere gemacht, die ihn bis in den Vorstand der Daimler-Benz AG führte. Seit er 1963 als Vorsitzender des Verbandes der Württembergisch-Badischen Metallindustrie während eines Streiks 300.000 Metallarbeiter ausgesperrt hatte, galt er als Hardliner.

          Viel mehr wusste auch der RAF-Mann Willy-Peter Stoll nicht über Schleyer, als er im April 1977 unter dem Vorwand, eine Doktorarbeit über führende Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft schreiben zu wollen, im Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv das gesammelte Pressematerial über Schleyer einsah. Vieles von dem, was Stoll dort zu lesen bekam, musste die RAF in ihrer Gewissheit bestärken, das richtige Opfer ausgewählt zu haben. So konnte Stoll etwa in der Gewerkschaftszeitung „Welt der Arbeit“ erfahren, Schleyer sehe aus wie der „kapitalistische Gottseibeiuns“.

          „Scharfmacher der Unternehmer“

          Dem Arbeitgeber-Präsidenten wurde vorgeworfen, ideologischer zu sein als alle „linken Ideologen“, denen er am liebsten „den Garaus“ machen wolle. Die „Zeit“ nannte ihn eine „negative Symbolfigur“, und die „Süddeutsche Zeitung“ befand, Schleyer habe die „Last des angeblich Typischen zu tragen“: „ein breites Gesicht, das die Lust am Disponieren und Dirigieren widerspiegelt, die Fähigkeit zur harten Auseinandersetzung, aber auch zum Einlenken nach verlorenem Pokern; ein Schmiss auf der linken Wange, Lippenwülste, von denen kritische Zeitgenossen den Genießer ablesen wollen“.

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