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Handel mit Doktortiteln : Bestechlichkeit in 69 Fällen

  • -Aktualisiert am

Die vielen Doktoranden des Rechtsprofessors A. waren der Fakultät nicht unlieb

          In einem sind sich Befürworter und Kritiker einig: Das Kontrollsystem der Fakultät habe nicht versagt. Der Fall an der Universität Hannover ist indes einmalig und für die Rechtswissenschaftler peinlich - wo auch immer sie auftauchen, werden sie auf Thomas A. angesprochen. Der 53 Jahre alte Professor für Internationales Privatrecht ist (angeblich) der erste Fall „seit Jahrzehnten“, bei dem ein Professor sein Amt missbrauchte, indem er im Austausch für Bestechungszahlungen Juristen den Weg zu einer Promotion ebnete. Wegen Bestechlichkeit in 68 Fällen wurde A., der zeitweise auch Richter am Oberlandesgericht in Celle war, vom Landgericht Hildesheim zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

          Im Nachhinein verweisen seine Kollegen darauf, A. sei eigentlich nie besonders beliebt gewesen, er habe als faul gegolten und sich vor Gremienarbeit gedrückt. Fleißig war er dagegen im Sammeln von Geld - ob allein der Bau eines Hauses an der Elbe in Hamburg zu seiner chronischen Geldnot führte, erschien manchen ungewiss. Mit seiner Geldnot wie mit seinem Interesse an Studentinnen fiel er schon früher auf. Mitangeklagt war auch eine 30 Jahre alte frühere studentische Hilfskraft, die sich gute Noten mit sexuellem Entgegenkommen erkauft haben soll; sie gestand am ersten Verhandlungstag in Hildesheim und ersparte sich so die Vernehmung. Der mit ihr befreundete A. hob die vom Korrekturassistenten in einer Übung gegebenen Noten kräftig an und half ihr offenbar auch bei einer Hausarbeit. Andere Studentinnen hatten sich früher bei der Frauenbeauftragten über Belästigungen beschwert. Spesenmissbrauch im Fachbereich und das Vorlegen gefälschter Belege durch Professor A. vor etwa acht Jahren wurden nicht strafrechtlich verfolgt; stattdessen entzog man ihm die Zeichnungsbefugnis für Gelder.

          Promotionsfabriken

          Über das Anekdotische und über Hannover hinaus gibt der Fall in zwei Punkten Anlass zur Überprüfung: die Existenz gewerblicher und krimineller Vermittler von „Promotionsfabriken“, in deren Fänge sich der überschuldete A. begab; und das Umfeld der Fakultät, die es zuließ, dass er eine ungewöhnlich hohe Zahl von Promovenden hatte, zudem aus Orten außerhalb Hannovers und von Juristen, deren Examensnote eigentlich für eine Zulassung zur Promotion nicht reichte. Belegt ist, dass A. sich um seine Promovenden kümmerte, etwa mit regelmäßigen Seminaren. Er war daran indes auch geldlich interessiert, weil er die Hälfte des „Beratungshonorars“ von jeweils 8000 Euro bei der Annahme zur Promotion erhielt, die andere bei erfolgreichem Abschluss: Mehr als 180 000 Euro waren es am Ende von der Beratungsfirma in Bergisch Gladbach.

          Dass A. so viele Studenten von außerhalb hatte - meist Wirtschaftsjuristen und Anwälte, aber auch ein Richter -, fiel nur dem „Flurfunk“ auf. Zudem galt die Zuwanderung von außen als Beleg für sein hohes Ansehen. Vor allem aber: Die Fakultät war nicht unglücklich über die hohe Zahl, weil Hannover im Vergleich mit anderen niedersächsischen Universitäten in Göttingen und Osnabrück eine ansonsten sehr geringe Zahl von Promotionswilligen hatte. Das war schlecht für das Renommee der Universität wie auch für danach bemessene staatliche Zuschüsse. So war Fachbereich und Dekan nicht an weiteren Nachforschungen gelegen.

          Im Nachhinein reagierte die Fakultät rasch

          Der Anteil der Doktoranden unter den 69 angeklagten Bestechungsfällen, die es bis zur Promotion brachten - Angaben schwanken zwischen acht und dreizehn -, galt als durchschnittlich, verglichen mit anderen Fakultäten. Verfälschungen gab es also eher in der Phase der Zulassung als bei dem Abschluss der Doktorarbeit. Bei der Zulassung musste, wenn die Note nicht dem Prädikatserfordernis des „Vollbefriedigend“ im Staatsexamen entsprach, noch ein Zweitgutachter zustimmen und ein Seminarschein (in der Regel von A. ausgestellt) vorgelegt werden. Wenn es zu Debatten kam, wurde ein Drittgutachter bestellt. Auch die Prüfung mit Zweitgutachter und Prüfungsausschuss galt und gilt als hinreichend. Rasch reagierte die Juristische Fakultät zumindest im Nachhinein: Der Name ihres Hochschullehrers ist seit längerem aus dem Vorlesungsverzeichnis getilgt.

          Der Zivilrechtler war seinerzeit durch eine Anzeige in einer Fachzeitschrift auf das „Institut für Wissenschaftsberatung“ in Bergisch Gladbach gestoßen. Eine Bestechungsanklage gegen dessen Geschäftsführer wurde vom Verfahren gegen A. abgetrennt. Das Institut - nicht das einzige seiner Art - galt seit längerem als Doktorfabrik, die 127 000 Arbeiten gespeichert haben soll. Sie lobte auch einen Preis aus für die „kürzeste Dissertation“.

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