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Hakenkreuz-Fall : Ist sie Täterin statt Opfer?

Rebecca K. - bei der Verleihung des Ehrenpreises für Zivilcourage in Mittweida Bild: ddp

Sie sei einem von Rechtsextremen bedrohten Mädchen zur Hilfe geeilt, behauptet Rebecca K. Doch an ihrer Aussage hat die Staatsanwaltschaft schon länger Zweifel. Nun wurde Anklage gegen die „Heldin von Mittweida“ erhoben.

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          Es war eine schockierende Mitteilung, die Polizei und Staatsanwaltschaft Ende November vergangenen Jahres in Chemnitz veröffentlichten: Im sächsischen Mittweida hätten vier Rechtsextreme ein sechs Jahre altes Mädchen vor einem Supermarkt belästigt und einer zur Hilfe eilenden jungen Frau ein Hakenkreuz in die Haut geritzt. In ganz Deutschland berichteten Medien auch deshalb ausführlich über die „Heldin von Mittweida“, weil die Ermittler die Aussage der jungen Frau zunächst ausdrücklich als glaubwürdig bezeichnet hatten und das vermeintliche Opfer auf Balkonen der umstehenden Häuser Leute gesehen haben wollte, die nicht eingegriffen hätten.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Sprecherin für „antifaschistische Politik“ der Linksfraktion im sächsischen Landtag, Kerstin Köditz, schlug Rebecca K. in einer Pressemitteilung umgehend für den Verdienstorden des Freistaats vor. In Mittweida fanden Protestkundgebungen, Mahnwachen und Gottesdienste statt, denn die Stadt hat tatsächlich ein Problem mit Rechtsextremisten. Auch das schien die Geschichte von Rebecca K. zu stützen.

          Und dass sich trotz wiederholter Aufforderung und in Aussicht gestellter Belohnung auch in den folgenden Tagen keine Zeugen meldeten, galt manchen Medien als Beleg für die mangelnde Zivilcourage. Am Mittwoch hat die Staatsanwaltschaft Chemnitz nun Anklage gegen die mittlerweile volljährige Rebecca K. wegen Vortäuschung einer Straftat erhoben.

          Besondere politische Dimension

          Noch im Dezember hatte sich herausgestellt, dass die positive staatsanwaltliche Einschätzung der Glaubwürdigkeit der jungen Frau auf einem internen Missverständnis beruhte. In einem ersten Rechtsgutachten war, anders als zunächst mitgeteilt, eben nicht ausgeschlossen worden, dass Rebecca K. sich das Hakenkreuz selbst zugefügt haben könnte. Ein zweites Gutachten eines Hamburger Rechtsmediziners, der als Spezialist für Hautritzungen gilt, untermauerte dann den Verdacht, dass die junge Frau sich das erstaunlich symmetrische Hakenkreuz selbst in die Hüfte geschnitten hat.

          Eine besondere politische Dimension bekam der Fall dadurch, dass das „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ Rebecca K. Anfang des Jahres mit einem „Ehrenpreis für Zivilcourage“ auszeichnete, obwohl schon Ermittlungen gegen die junge Frau liefen. Das „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ ist eine von der Bundesregierung ins Leben gerufene Dachorganisation, der sich bisher mehr als 1300 Vereine in ganz Deutschland angeschlossen haben, die gegen Rechtsextremismus aktiv sind.

          Die Laudatio auf Rebecca K. im Mittweidaer Rathaus hielt die Beiratsvorsitzende des Bündnisses, Cornelie Sonntag-Wolgast. Trotz aller öffentlich vorgebrachten Zweifel sagte die SPD-Politikerin damals: „Wir haben keine belastbaren Hinweise dafür, dass sie nicht glaubwürdig ist.“ Dass Einzelne Zivilcourage zeigen, sei leider noch keine Selbstverständlichkeit.

          „Wir sind keine Nazi-Stadt

          Doch je länger Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten, desto mehr bröckelte die Geschichte. Die Ritzungen auf der Haut von Rebecca K. waren nach den Erkenntnissen des zweiten Gutachters oberflächlich und für ein Opfer, das sich heftig gewehrt haben will, merkwürdig gleichmäßig.

          Die vermeintliche Hauptzeugin, das sechs Jahre alte Mädchen, ist nach Einschätzung von Oberstaatsanwalt Bernd Vogel nicht glaubwürdig: Mehrere Familienangehörige des Kindes haben angegeben, dass es unmöglich zur fraglichen Zeit auf dem Platz vor dem Supermarkt gewesen sein kann. Vielmehr sei das Kind bei einem Handballspiel in Brand-Erbisdorf gewesen. Bei einer Gegenüberstellung mit einem möglichen Tatverdächtigen aus dem rechtsextremen Milieu wollte Rebecca K. nur allgemein Ähnlichkeiten erkannt haben, sich aber nicht festlegen. Zudem konnte bisher niemand ermittelt werden, der die vermeintliche Tat beobachtet hat.

          Rebecca K. bestreitet nach Angaben ihres Anwalts nach wie vor alle gegen sie erhobenen Vorwürfe. Zuvor hatte der Anwalt mehrfach die Ermittlungen als „halbherzig“ kritisiert und von einer „Einschüchterungslage“ gesprochen, die mögliche Zeugen auf Dauer zum Schweigen gebracht habe. Der Bürgermeister von Mittweida, Matthias Damm (CDU), begrüßte die Anklageerhebung. Der Fall habe die vielfältigen Anstrengungen der Stadt im Kampf gegen Rechtsextremismus auf den Kopf gestellt. „Mittweida hat seitdem einen Makel. Wir sind keine Nazi-Stadt.“ Der Generalsekretär der sächsischen CDU, Michael Kretschmer, sagte, der Fall habe das ganze Land in Verruf gebracht.

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