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Bildungsverfall : Das Gymnasium – Ruine einer Utopie?

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Das las sich so: „Unter diesem Gesetz der Auslese stehen nun unsere Kinder. Es ist ein hartes Gesetz, denn es belastet jedes Kind von vornherein mit der kategorischen Forderung „du musst“. . . Die Gymnasien müssen . . . auslesen . . . alle diejenigen Schüler ausscheiden, die nicht imstande sind, den Anforderungen an Wissen und Denken, an Wille und Fleiß standzuhalten.“ Man kam nicht auf den Gedanken, dass der Drei-Prozent-Fanatismus eine Unzahl junger Menschen um Bildungschancen brachte oder möglicherweise ungeeignet war, die tatsächlich Besten irrtumsfrei herauszufinden.

Das Gymnasium wird in der Literatur gegeißelt

Welche ideellen Säulen hatte das Gymnasium der Nachkriegszeit, hat das von heute? Wenn man ihm die prekäre Entnazifizierung gutwillig abnimmt, bleibt die humanistische Tradition des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Im Ernst? 1914 haben die Gymnasien ihre Schüler in den Weltkrieg gelockt, danach auf breiter Front der demokratischen Ordnung die Zustimmung verweigert und übereifrig dem „3. Reich“ gedient.

Thomas und Heinrich Mann, Hesse, Musil, Torberg, Werfel, Remarque, Koeppen, Andersch und viele andere haben ihre Schule der Unmenschlichkeit geziehen. Gibt es einen ernstzunehmenden deutschen Autor, der „dem Gymnasium“ ein anerkennendes Denkmal gesetzt hätte? Alfred Anderschs Frage „Schützt denn Humanismus vor gar nichts?“ peinigt zutiefst, weil irgendwo im emotionalen Hintergrund die Sehnsucht nach einer würdigen gymnasialen Tradition brennt, die in der „Feuerzangenbowle“ so anheimelnd bedient wird.

Schule wird zum Nebenjob

Das Schachern um G8/G9 als Reflex auf diffuse OECD-Statements und das Drängen der Wirtschaft hat es an den Tag gebracht: Das Gymnasium als Ort zielstrebigen Lehrens und Lernens mit dem Ziel einer breiten, fundierten Bildung im Dienst eines - stets aufs Neue zu klärenden - humanistischen Ideals existiert nicht. Das Gymnasium soll vielmehr pflegeleicht und stressfrei sein; das Lernen soll „Spaß“ machen und keine Hindernisse bereithalten, deren Überwindung Mühe und Schweiß kostet.

Die Abiturnoten werden immer besser, ungeachtet der Tatsache, dass ungezählte Schüler, teils mit offiziellen 450-Euro-Jobs, die Szenegastronomie und die Textilbranche am Laufen halten. Schule verkommt zur Zweitbeschäftigung. Dass die Lasten von G8 den jüngsten Gymnasialschülern und nicht der Oberstufe aufgebürdet werden, zeigt nebenbei, wie wenig Politik und Schule das Kindeswohl im Auge haben.

„Aufs Gymnasium gehören die geeigneten Kinder - und die eigenen.“

Das Gymnasium hat die Wurzeln des kalten Lernethos der Nachkriegszeit zu Recht gekappt. Es ist ihm aber nicht gelungen, das Ziel, möglichst viele Bildungschancen zu eröffnen, von einer rein quantitativen Betrachtung frei zu halten. Dass alle Kinder alle Chancen bekommen sollen, muss in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich sein und legt der Schule zwingend auf, benachteiligte Kinder zu fördern.

Wenn die Schule die Förderung aber mit inhaltlicher Verdünnung verwechselt, schadet sie allen Schülern, auch wenn diese das erst nach der Schulzeit zu spüren bekommen. Ein Schulleiter traf den Nagel auf den Kopf: „Aufs Gymnasium gehören die geeigneten Kinder - und die eigenen.“ Den eigenen winkt weitere Entlastung: Die Lehrerbildung arbeitet an der Kompetenzkompetenz.

Der Verfasser Klaus Ruß war Gymnasiallehrer und Gymnasiallehrerausbilder und ist als pädagogischer Berater tätig.

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