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Bildungsverfall : Das Gymnasium – Ruine einer Utopie?

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Kann Schule nicht auch einfach Freude machen?

Die Eltern suchen Unterstützung, wollen den Elternbeirat mobilisieren, die Lehrer zur Beachtung ihrer Dienstpflichten bewegen. Die anderen Eltern zucken zurück, fürchten für ihre Kinder und empfehlen individuelle Nachhilfe. Davon lebt inzwischen eine riesige Industrie von zuweilen sehr dubioser Qualität. Felix’ Lehrer arbeiten offenkundig nicht für das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder. Sie haben keine Idee, was ihres Amtes ist und welche Bildungs- und Wissensziele sie verfolgen sollen. Die Gleichgültigkeit der Schule hinterlässt dann ihre Spuren in der Familie, treibt Kinder und Eltern in einen Konflikt, der eigentlich Sache der Schule ist.

Die dritte Szene kommt auf dem hohen Pathos akademischer Rede daher. Zum Jubiläum eines Gymnasiums spricht ein berühmter Musikdidaktiker über die Wirkungen der Schulmusik: Sie mache sozialer, stärke die Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit und verknüpfe optimal die Hirnsynapsen. Das habe die moderne Neurowissenschaft bewiesen. Dass Musik Freude bringt und ihren Wert in sich selbst hat, sagt er nicht. Auch Mathematiker oder die - wahrhaft zeitgeistgeplagten - Lateiner vertreten ihr Fach weitgehend defensiv und weisen auf die Sekundärwirkungen hin, die aus der Beschäftigung mit seinen Gegenständen erwüchsen.

Wissen um des Wissens willen – kann entrümpelt werden

„Unpregnant of their cause“ beschrieb ein Frankfurter Pädagoge schon vor Jahren die Lehrkräfte, die den Inhalten ihrer Lehre selbst nicht mehr trauen und unablässig nach externer Rechtfertigung suchen. Diese didaktische Irritation teilt sich natürlich auch den Schülern mit und ist Antrieb der kompetenzbasierten Pädagogik.

Die „Entrümpelung“ der Lehrpläne wurde zum Mantra der G8-Befürworter; doch haben sie nie konkret gesagt, welche Inhalte denn „Gerümpel“ seien. Verächtlicher kann man Wissen und Können nicht machen. „Abfragbares Wissen“ ist weithin zum Schmähwort geworden - als ob es ein Wissen gäbe, das sich der Kommunikation entzöge.

Schon immer haben Schüler wissen wollen: „Wozu brauche ich das?“ - das Gymnasium heute hat keine Antwort darauf. Es hat - im erstaunlichen Kontrast zur Musik- und Sportausbildung - den Blick auf beharrliches Üben ebenso verloren wie die Wertschätzung dessen, was Kinder auswendig lernen können und was ihnen unverlierbar mitgegeben werden sollte. Fehlte der Paukschule früherer Zeiten bei allen sachlichen Anforderungen ein ideelles Ziel, so sind ihr heute auch die Inhalte entglitten.

„Es ist ein hartes Gesetz, denn es belastet jedes Kind von vornherein“

Dass dieser „Paukschule“ indessen nicht die Zukunft gehören konnte, zeigt die Festschrift eines hessischen Gymnasiums von 1957. Sie definiert - flankiert vom Bildungsplan des Kultusministeriums - als wesentliches Schulziel die „Auslese“. Alle Fächer sollten durch ihren Beitrag zum kontinuierlichen Sitzenbleiben dazu beitragen, dass von zehn Prozent aller Kinder eines Jahrgangs, die ins Gymnasium eintreten, nur noch ein Drittel die Reifeprüfung besteht!

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