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Guido Westerwelle in Pakistan : „No problem, bin in sechs Stunden da“

  • -Aktualisiert am

„Yes, hello, this is Guido” Bild: dpa

Außenminister Westerwelle muss wegen Nebels in Lahore landen. Von dort fährt er mit dem Bus - und gewinnt dem Ganzen etwas Positives ab: Die mehrstündige Fahrt vertreibt er sich mit Witzen und Eindrücken der Landschaft.

          Guido Westerwelle hatte in den vergangenen Wochen reichlich Gelegenheit, sich in der Kunst zu üben, sich nicht mehr zu ärgern, die Brust herauszustrecken und die Dinge einfach geschehen zu lassen. Womöglich hatte er die Hoffnung, nach dem Dreikönigstreffen der FDP wieder ein wenig diplomatische Routine an den Tag legen zu können. Als er am Freitagabend sein Flugzeug Richtung Pakistan besteigt, kommen ihm erste Zweifel. Sein Pilot berichtet von dichtem Nebel in Islamabad. Am Samstagmorgen wird er mit schlechten Nachrichten geweckt: Die Sichtweite am Flughafen der Hauptstadt beträgt zehn Meter, benötigt werden 600. Es werde stattdessen Lahore angeflogen, 360 Kilometer südlich von Islamabad. Dann sehe man weiter.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die Delegation wird in der VIP-Lounge untergebracht und mit Tee und Kaffee versorgt. Der Minister aber bleibt im Flugzeug. Über Stunden. Sollte er sich doch ärgern? Als das Protokoll beschließt, per Buskolonne nach Islamabad zu fahren, da die Wahrscheinlichkeit einer Wetterbesserung gering ist, begibt er sich – frisch geduscht – zu seiner unrasierten Delegation und frotzelt: „Wer sich hängen lässt, wird zurückgelassen. Wer raucht, auch!“ Hatte er sich an das Ende einer Amerikareise der Bundeskanzlerin erinnert, die sich wegen der isländischen Aschewolke über Tage hinzog und letztlich zu einer beschwerlichen Busfahrt von Rom nach Berlin wurde? Es hatte dem Image Angela Merkels nicht geschadet, die Reiseleiterin zu spielen und die Gruppe bei Laune zu halten.

          Westerwelle erzählt Loriot-Witze

          Jedenfalls ist vom Außenminister fortan kein entnervtes Wort zu hören. Er hat sich vorgenommen, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen: Eine Überlandfahrt habe doch auch etwas für sich, jetzt bekomme er einmal etwas zu sehen. Da hat er die Busse noch nicht gesehen, welche die deutsche Botschaft in Windeseile hatte auftreiben müssen.

          Spontane Überlandfahrt: Wasserbüffel, Milane - und die Folgen der großen Flut

          Die Delegation quetscht sich in drei japanische Klappermühlen, und die vier Sicherheitsbeamten sind gar nicht begeistert, ihr Schutzobjekt in einem solchen Gefährt zu wissen. Westerwelle wird ein Mobiltelefon gereicht, sein pakistanischer Kollege möchte ihn sprechen. „Yes, hello, this is Guido.“ Schah Machmud Qureshi entschuldigt sich für die widrigen Anreisebedingungen. „No problem“, sagt der Deutsche, man werde in sechs Stunden da sein.

          Die Mitarbeiter telefonieren derweil eifrig, um zumindest Teile des Besuchsprogramms zu retten. Michael Steiner, sein Sonderberater für Afghanistan und Pakistan, liest im „New Yorker“ einen Artikel über seinen verstorbenen Kollegen Richard Holbrooke, Westerwelle erzählt Loriot-Witze, und der deutsche Honorarkonsul herrscht den einheimischen Busfahrer an: „Motorway, Sir, Motorway!“ Der Busfahrer, in traditioneller pakistanischer Hose und einer „LA-Lakers“-Jacke gekleidet, scheint aber ein eigenwilliger Herr zu sein. Ihn drängt es noch nicht auf die Autobahn, er möchte auf seinen Kollegen warten, der seinen Bus in einem unwirtlichen Vorort Lahores eigenmächtig gestoppt hat, um Zigaretten zu kaufen.

          Als stünde Westerwelle vor einem Außenministerium

          Auf der spontanen Überlandfahrt bekommt der Minister tatsächlich einiges zu sehen: Wasserbüffel, die am Flussbett grasen, Hunderte schwarzer Milane, die über einer Müllkippe kreisen – und die Folgen der großen Flut, die auch Teile des Punjabs erfasst hatte und noch heute breite Flussarme ins Land drückt, die von riesigen Schlammfeldern umgeben sind. Auf halber Strecke macht die Kolonne Halt. Auf der Raststrecke Bhera warten die Wagen der deutschen Botschaft.

          Westerwelle spricht nun ein, zwei hochoffizielle Sätze über die Bedeutung Pakistans für die Sicherheit in der Region in die Mikrofone und Kameras. Ganz so, als stünde er vor irgendeinem Außenministerium und nicht auf einer Raststätte im Punjab vor einem großen Kentucky-Fried-Chicken-Schild. Er steigt um in die Dienstkarossen und trennt sich vom Rest der Delegation. Qureshi wartet.

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