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Günter Wallraff : "Giftgas für die Bundeswehr"

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Die DDR-Führung nutzte ihre Geheimdiensterkenntnisse zum eigenen politischen Vorteil. Pressearbeit war ein Mittel. Über die SED, Günter Wallraff und die Kampagne gegen die Entspannungspolitik.

          5 Min.

          Am 2. Oktober 1969 erschien in der Zeitschrift "konkret" unter der Überschrift "Giftgas für die Bundeswehr" ein reißerisch aufgemachter Artikel von Günter Wallraff, Reinhard Strecker und Manfred Gfellschild. Insgesamt achtzig Universitätsinstitute in der Bundesrepublik und zahlreiche Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft seien mit hoch dotierten Aufträgen des Verteidigungsministeriums ausgestattet, um biologische und chemische Waffen zu entwickeln. Auch die Bayer Werke in Leverkusen gehörten zu den Auftragnehmern des Ministeriums.

          In dem Artikel wiesen die Autoren auch auf eine Informationsquelle hin, denen sie ihre detaillierten Kenntnisse über die Chemiewaffenforschung in der Bundesrepublik verdankten. Sie erwähnten zwei "Internationale Pressekonferenzen", die im Dezember 1968 und im Januar 1969 vom "Nationalrat der Nationalen Front" in Ost-Berlin abgehalten wurden. Dort traten neben Ulbrichts außenpolitischem Berater Günter Kohrt vier in die DDR übergesiedelte westdeutsche Wissenschaftler auf und "entlarvten" die geheime Chemiewaffenforschung in Westdeutschland.

          Zuspitzung der Aktivitäten von SED-Führung wohl erwogen

          Damit begann eine von der Westabteilung der SED gut vorbereitete und breit angelegte Kampagne in den DDR-Medien. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR veröffentlichte im Juli 1969 eine Propagandabroschüre mit dem Titel "Bonn bereitet Giftkrieg vor". Zunächst regierte in der Bundesrepublik niemand auf das Spektakel.

          Die Zuspitzung dieser Aktivitäten im Sommer 1969 hatte die SED-Führung wohl erwogen. Zum einen war die große Koalition aus CDU/CSU und SPD nur beschränkt handlungsfähig, da die Bundestagswahlen unmittelbar vor der Tür standen, zum zweiten aber versuchten Walter Ulbricht und sein engerer Kreis in dieser Zeit mit allen Mitteln die sich abzeichnende Entspannungspolitik der Sowjetunion zu verlangsamen. Die schrillen Töne über den "westdeutschen Militarismus" und die Vorbereitung eines "Giftgaskrieges durch die Bundeswehr" waren ein unmittelbarer Bestandteil einer von Ulbricht unmittelbar inspirierten Obstruktionspolitik gegen die seit geraumer Zeit im Hintergrund stattfindenden Gespräche zwischen SPD-Politikern und der sowjetischen Führungsspitze.

          Auf Beibehaltung des Konfrontationskurses erpichte SED-Führung

          Vom 20. bis 23. August hielt sich der SPD-Fraktionsvorsitzende Helmut Schmidt mit seinen Stellvertretern Möller und Franke zu Sondierungsgesprächen in Moskau auf. Anfang September informierte Außenminister Gromyko in einem ausführlichen Schreiben Walter Ulbricht über den Verlauf der Unterredungen. Helmut Schmidt habe betont, daß die SPD eine Weiterentwicklung der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik befürworte. Deswegen habe seine Partei die Initiative für den Austausch von Gewaltverzichtserklärungen ergriffen. "Schmidt versuchte hartnäckig zu beweisen, daß der Austausch solcher Erklärungen zur Gesundung der Lage in Mitteleuropa beitragen und eine neue völkerrechtliche Grundlage für die Lösung der Probleme dieses Gebietes schaffen würde", schrieb Gromyko. Eine solche Perspektive behagte der auf eine Beibehaltung des Konfrontationskurses erpichten SED-Führung jedoch überhaupt nicht.

          Die "konkret"-Leute um Günter Wallraff kannten im Sommer 1969 diese Hintergründe nicht. Getragen von gutlinken Absichten ließen sie sich von ihren DDR-Kontaktleuten in eine Kampagne einbinden, mit der die SED-Führung den Entspannungsprozeß verlangsamen wollte. Die für Desinformation in der Bundesrepublik zuständige Abteilung X aus Markus Wolfs Hauptverwaltung A lobte 1976 in einer Personenauskunft ihren Inoffiziellen Mitarbeiter "Wagner" - alias Günter Wallraff - wegen seiner Initiative in der Giftgaskampagne von 1969: "Durch seine Initiative trug er wesentlich dazu bei, dem Kampf gegen die B- und C-Waffen-Rüstung in Westdeutschland - vor allem unter der studentischen Jugend - Richtung und Inhalt zu geben.

          „Vielfältige publizistische Maßnahmen"

          "Von uns übergebene Materialien" seien von Wallraff "seit Anfang 1969 zu vielfältigen publizistischen Maßnahmen" genutzt worden. Wallraff habe durch seinen Einsatz "mehrfach Dementis und Erklärungen der Bundesregierung (BMVtdg.) und des Bayer-Konzerns (Pressekonferenz)" erzwungen. Die zweite desinformatorische Leistung, für die Wallraff 1976 von der HV A gelobt wurde, betraf ebenfalls eine im Sommer 1969 vom MfS lancierte Kampagne zur Unruhestiftung in der "Westberlinfrage". Wallraff habe sich mit Materialien über die "Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit"" (KgU), die von West-Berlin aus gegen die DDR operierte, beschäftigt. "Von Seiten des MfS wurde das Interesse an der KgU etwas hochgespielt".

          Wallraff habe "im Auftrag" eine Reise zu einem ehemaligen KgU-Mitarbeiter nach Schweden unternommen. "Auf der Grundlage des erarbeiteten Materials erfolgte dann eine Veröffentlichung in ,konkret', die vorher mit dem MfS abgestimmt war." Der Artikel, von dem hier die Rede ist, erschien am 18. September 1969 in "konkret"" und stand unter der Schlagzeile "Terror für den Westen. Wie die ,Kampfgruppen gegen die Unmenschlichkeit' die DDR sturmreif machen sollte".

          Hermann Flade der antikommunistische Plakate klebte

          Autor dieses Textes war nicht Wallraff, sondern Reinhard Strecker, der Mitverfasser des Giftgastextes. Ganz im Stile der SED-Propaganda wurde die KgU als ""verbrecherische Organisation" beschrieben, der "als Lizenzträger auch der heutige Bundesinnenminister Ernst Benda angehört hat". Als besonders übel lastete "konkret" der KgU an, sie habe den Oberschüler Hermann Flade im Jahr 1951 dazu verleitet, in der DDR antikommunistische Plakate zu kleben. Flade habe dann den "Preis für eine der unzähligen, leichtfertig von der KgU geplanten Aktionen" gezahlt und zehn Jahre in einem DDR-Zuchthaus verbracht.

          Flade reagierte darauf mit einem Leserbrief. Er sei zu seiner Aktion nicht durch die KgU ermuntert worden, "sondern habe sie aus eigenem Entschluß unternommen. Von der Existenz der KgU habe ich erst durch die Vernehmungsoffiziere des Staatssicherheitsdienstes erfahren. Auch die Anklageschrift und das Urteil behaupten nicht, daß ich mit der KgU zusammengearbeitet hätte. Die KgU schaltete sich erst in die Protestbewegung ein, die die Umwandlung des Todesurteils in 15 Jahre Zuchthaus bewirkte."

          MfS auch später noch fürsorglich mit Günter Wallraff

          Auch an anderen Stellen enthält der KgU-Artikel fast in Reinform die damalige DDR-Propaganda. Nachdem nunmehr durch die "Rosenholz" - Überlieferungen ein weiterer Aspekt der Verbindungen aufscheint, die das Ministerium für Staatssicherheit mit dem westdeutschen Enthüllungsschriftsteller Günter Wallraff unterhalten hat, stellen sich neue Fragen an die später in den 70er Jahren über Wallraff angelegten MfS-Unterlagen. Obwohl die HV A die Zusammenarbeit mit "Wagner" 1973 einstellte, beschäftigte sich das MfS auch noch zu späteren Zeiten durchaus fürsorglich mit Günter Wallraff. So machten sich im Juli 1977 die Stasi-Auswerter in Ost-Berlin Gedanken über drohendes Ungemach für den Schriftsteller. "Aus Kreisen der Bonner Redaktion der Bild-Zeitung wurde inoffiziell bekannt", hieß es in einer "Information A", daß es Wallraff gelungen war, "unter einer Legende ein viertel Jahr in der Hannoverschen Redaktion der Bild-Zeitung zu arbeiten."

          Wallraff wolle darüber demnächst ein Buch veröffentlichen. "Nach Bekanntwerden der Aktion Wallraff's entwickelten mehrere Redaktionen der Springerpresse Aktivitäten", um "Material über Wallraff zusammenzustellen, das ein Vorgehen gegen ihn gestattet". Ein Rechercheur der Bild-Zeitung sei bei einem "Westberliner Informanten" erschienen, um "angebliche Verbindungen Wallraff's zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR" zu erkunden.

          1977 kein Interesse an einer Störung der Entspannungspolitik

          Das MfS befürchtete insbesondere, daß Gerhard Löwenthal im ZDF-Magazin den Fall aufgreifen werde und Belege über eine frühere Zusammenarbeit Wallraff's mit dem MfS präsentieren könne. Die gab es nämlich auch schon zum damaligen Zeitpunkt. Wallraffs Verbindungsmann, der MfS-Mitarbeiter "Friedhelm", bei dem es sich im bürgerlichen Leben um den Journalisten der Rostocker Ostseezeitung Heinz Gundlach handelte, war 1971 nach einem konspirativen Treffen mit Wallraff in Hamburg festgenommen worden. Gundlach hatte versucht, sich mit einem gefälschten bundesdeutschen Paß auszuweisen. Er führte Dokumente mit sich, die ihm von Wallraff in Kopenhagen übergeben worden waren. Im Unterschied zum Jahre 1969 hatte die DDR im Jahr 1977 kein Interesse an einer Störung der Entspannungspolitik. Es gab deswegen für das MfS gut Gründe, Enthüllungen über seine Verbindungen zu Günter Wallraff zu befürchten.

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