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Günter Wallraff : "Giftgas für die Bundeswehr"

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Wallraff habe "im Auftrag" eine Reise zu einem ehemaligen KgU-Mitarbeiter nach Schweden unternommen. "Auf der Grundlage des erarbeiteten Materials erfolgte dann eine Veröffentlichung in ,konkret', die vorher mit dem MfS abgestimmt war." Der Artikel, von dem hier die Rede ist, erschien am 18. September 1969 in "konkret"" und stand unter der Schlagzeile "Terror für den Westen. Wie die ,Kampfgruppen gegen die Unmenschlichkeit' die DDR sturmreif machen sollte".

Hermann Flade der antikommunistische Plakate klebte

Autor dieses Textes war nicht Wallraff, sondern Reinhard Strecker, der Mitverfasser des Giftgastextes. Ganz im Stile der SED-Propaganda wurde die KgU als ""verbrecherische Organisation" beschrieben, der "als Lizenzträger auch der heutige Bundesinnenminister Ernst Benda angehört hat". Als besonders übel lastete "konkret" der KgU an, sie habe den Oberschüler Hermann Flade im Jahr 1951 dazu verleitet, in der DDR antikommunistische Plakate zu kleben. Flade habe dann den "Preis für eine der unzähligen, leichtfertig von der KgU geplanten Aktionen" gezahlt und zehn Jahre in einem DDR-Zuchthaus verbracht.

Flade reagierte darauf mit einem Leserbrief. Er sei zu seiner Aktion nicht durch die KgU ermuntert worden, "sondern habe sie aus eigenem Entschluß unternommen. Von der Existenz der KgU habe ich erst durch die Vernehmungsoffiziere des Staatssicherheitsdienstes erfahren. Auch die Anklageschrift und das Urteil behaupten nicht, daß ich mit der KgU zusammengearbeitet hätte. Die KgU schaltete sich erst in die Protestbewegung ein, die die Umwandlung des Todesurteils in 15 Jahre Zuchthaus bewirkte."

MfS auch später noch fürsorglich mit Günter Wallraff

Auch an anderen Stellen enthält der KgU-Artikel fast in Reinform die damalige DDR-Propaganda. Nachdem nunmehr durch die "Rosenholz" - Überlieferungen ein weiterer Aspekt der Verbindungen aufscheint, die das Ministerium für Staatssicherheit mit dem westdeutschen Enthüllungsschriftsteller Günter Wallraff unterhalten hat, stellen sich neue Fragen an die später in den 70er Jahren über Wallraff angelegten MfS-Unterlagen. Obwohl die HV A die Zusammenarbeit mit "Wagner" 1973 einstellte, beschäftigte sich das MfS auch noch zu späteren Zeiten durchaus fürsorglich mit Günter Wallraff. So machten sich im Juli 1977 die Stasi-Auswerter in Ost-Berlin Gedanken über drohendes Ungemach für den Schriftsteller. "Aus Kreisen der Bonner Redaktion der Bild-Zeitung wurde inoffiziell bekannt", hieß es in einer "Information A", daß es Wallraff gelungen war, "unter einer Legende ein viertel Jahr in der Hannoverschen Redaktion der Bild-Zeitung zu arbeiten."

Wallraff wolle darüber demnächst ein Buch veröffentlichen. "Nach Bekanntwerden der Aktion Wallraff's entwickelten mehrere Redaktionen der Springerpresse Aktivitäten", um "Material über Wallraff zusammenzustellen, das ein Vorgehen gegen ihn gestattet". Ein Rechercheur der Bild-Zeitung sei bei einem "Westberliner Informanten" erschienen, um "angebliche Verbindungen Wallraff's zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR" zu erkunden.

1977 kein Interesse an einer Störung der Entspannungspolitik

Das MfS befürchtete insbesondere, daß Gerhard Löwenthal im ZDF-Magazin den Fall aufgreifen werde und Belege über eine frühere Zusammenarbeit Wallraff's mit dem MfS präsentieren könne. Die gab es nämlich auch schon zum damaligen Zeitpunkt. Wallraffs Verbindungsmann, der MfS-Mitarbeiter "Friedhelm", bei dem es sich im bürgerlichen Leben um den Journalisten der Rostocker Ostseezeitung Heinz Gundlach handelte, war 1971 nach einem konspirativen Treffen mit Wallraff in Hamburg festgenommen worden. Gundlach hatte versucht, sich mit einem gefälschten bundesdeutschen Paß auszuweisen. Er führte Dokumente mit sich, die ihm von Wallraff in Kopenhagen übergeben worden waren. Im Unterschied zum Jahre 1969 hatte die DDR im Jahr 1977 kein Interesse an einer Störung der Entspannungspolitik. Es gab deswegen für das MfS gut Gründe, Enthüllungen über seine Verbindungen zu Günter Wallraff zu befürchten.

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