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Grüne : „Wir müssen selbst Herrschende werden“

Wegen Nebentätigkeit unter Druck: Ludger Volmer Bild: dpa/dpaweb

Der weite Weg des Ludger Volmer: Grüner Gründer, Kriegsgegner und dann Kriegsbefürworter. Hat er seine politischen Ziele verraten oder ist er ein Opportunist?

          In der 13. Legislaturperiode ist der Bundestagsabgeordnete Ludger Volmer einer Nebentätigkeit nachgegangen, die er im Bundestagshandbuch nicht anzeigen mußte. Sie war vermutlich auch nicht sehr einträglich, kostete aber gewiß viel Zeit. 1998 lag das Ergebnis auf 649 eng bedruckten Seiten vor: Seine Dissertation mit dem Titel: „Die Grünen und die Außenpolitik - ein schwieriges Verhältnis“.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Wie schwierig es sei, eine wissenschaftliche Arbeit anzufertigen, wenn man zugleich Subjekt und Objekt sei, sagt der Autor im Vorwort selbst. Immerhin könnte er sich in eine Reihe klangvoller Namen stellen. War nicht auch Helmut Kohl mit einer Arbeit über das Wiedererstarken der Parteien in der Pfalz nach 1945 promoviert worden? Fachfremd war Volmer sein Thema keinesfalls, er bekleidete schon damals das Amt des außenpolitischen Sprechers seiner Fraktion. Und die Quellenlage war gut. Im Personenverzeichnis finden sich die meisten Einträge auf Ludger Volmer, nämlich 33; Joschka Fischer kam auf 29.

          Der politische Werdegang

          Das Zusammenführen von Gruppierungen, um sie dann zu lenken, ist ein Merkmal, das Volmers politischen Werdegang durchzieht; das erwähnt er auch gern selbst. Ein anderes seine Abneigung gegen Dogmatismus, etwa gegen die K-Gruppen in den siebziger Jahren.

          1952 wurde Ludger in Gelsenkirchen als ältestes von vier Kindern geboren. Der Vater, ein CDU-Mann, saß von 1969 bis 1982 im Bundestag. Der Sohn gründete einen „ökumenischen Arbeitskreis“ zur Betreuung von Obdachlosen. Da war freilich auch er Mitglied einer „K-Gruppe“, der KJG, der „Katholischen Jungmänner Gemeinschaft“. Nach dem Abitur 1971 ging er nach Bochum, um Sozialwissenschaften und Pädagogik zu studieren. Zwischendurch absolvierte er den Zivildienst in einem Krankenhaus. Mit einer Gruppierung namens „undogmatisch linke Basisgruppen“ macht er im AStA Hochschulpolitik. Die sozialwissenschaftliche Diplomarbeit (1979) behandelte das Thema: „Politik zwischen Kopf und Bauch. Zur Relevanz der Persönlichkeitsbildung in den politischen Konzepten der Studentenbewegung in der BRD“. Im selben Jahr gehörte er zu den Mitbegründern der Grünen.

          Knapp daneben

          Dann kam er wieder zurück nach Gelsenkirchen, wie sich Jürgen Pastowski erinnert, damals einer der ersten Grünen in der Stadt. Pastowski ist bis heute in der Kommunalpolitik engagiert. Volmers Ebene war das nie. „So kommunal hat er nie groß was gemacht, sondern er war so immer auf einer höheren Ebene.“ Die kam in Reichweite vor der Bundestagswahl von 1983.

          Der Listenparteitag des Landesverbands fand im rheinischen Geilenkirchen statt. Pastowski erinnert sich noch, wie kalt es war, als man in einem Rohbau übernachtete, kurz nach dem elften Elften. „In der Halle hing noch das Karnevalszeug.“ Volmer kam auf Listenplatz 17. Als die Grünen bei der Wahl triumphierten, war Volmer der Verlierer. Die Nordrhein-Westfalen hatten acht Mandate. Plus acht Nachrücker; damals sollte zur Mitte der Legislaturperiode „rotiert“ werden, macht sechzehn.

          Die pragmatische Parteilinke

          Eine Woche nach der Wahl legte Werner Vogel sein Mandat nieder. Er war seinerzeit Mitglied der NSDAP und der SA gewesen; das kam nun heraus. Grüne Weggefährten sagen, er habe seine Irrtümer längst tief bereut gehabt. Dem Druck der Linken in der Partei hielt er nicht lange stand. Volmer rückte nach - zunächst formal als Fraktionsmitarbeiter, nach der „Rotation“ 1985 als Abgeordneter.

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