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Grubenunglück in der Türkei : Tage der Totengräber

  • -Aktualisiert am

Immer wieder neue Namen: Auf einem Friedhof in Soma trauern Angehörige um die Todesopfer des Unglücks. Bild: AFP

In Soma schwindet die Hoffnung – und die Wut auf die Regierung nimmt zu. Eigentlich hat Erdogans AKP hier viele Anhänger. Doch es werden Zweifel laut.

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          Auf der Terrasse des Teehauses weht eine Flagge auf Halbmast, drinnen sitzen ein paar ältere Herren, trinken Tee und starren auf den Fernseher, auf dem eine Liveübertragung vom Unglücksort läuft. Das Dorf Cumaliköy, ein kleines Nest mit etwa 400 Einwohnern, liegt in der Nähe der Unglücksgrube von Soma. Etwa 30 Männer von hier arbeiteten in der Mine, erzählt Hidayet Ilkazi. Er ist einer von ihnen und war diese Woche für die Nachtschicht eingeteilt. Nur ein paar Stunden vor der Katastrophe hatte er das Bergwerk verlassen. Nun muss er auf viele Beerdigungen gehen. Zwei seiner Neffen wurden tot aus der Mine geborgen. Er rechnet mit weiteren schlechten Nachrichten.

          Ilkazi hat gemeinsam mit seinen Kollegen kurz nach dem Unfall einige Leichen von Freunden und Kollegen geborgen. „Wer hätte das denn sonst machen sollen?“, fragt er. „Diese ganzen Hilfstrupps, die jetzt von überallher angereist sind, die kennen sich doch in unserer Mine nicht aus.“ Er spricht mechanisch, wendet seinen Blick häufig ab. Anstrengend sei das dort unten gewesen, sagt er, noch heißer als sonst und noch schlimmer gestunken als normal habe es auch.

          Die Zufahrt zum Minengelände ist abgesperrt, Polizisten kontrollieren die Zugangsberechtigungen. Präsident Abdullah Gül wird erwartet, deshalb sind die Sicherheitsvorkehrungen strenger als in den vergangenen Tagen. Nur noch die engsten Verwandten der Verschütteten sollen durchgelassen werden, schärft ein Einsatzleiter den neu angekommenen Sicherheitskräften ein. Entsprechende Namenslisten würden verteilt, und nur wenn die Nachnamen passten, dürften die Leute rein. „Und was ist, wenn eine verheiratete Frau ihren Vater sucht, die hat dann doch auch einen anderen Nachnamen?“, murmelt ein Polizist, der mit ein paar Kollegen zur Verstärkung aus Izmir gekommen ist.

          Grubenunglück in Soma : Nur noch Resignation und Trauer

          Am Mittwoch hatten die Angehörigen noch direkt am Ausgang des Grubenfahrstuhls warten dürfen, um unter den Leichnamen nach ihren Ehemännern, Vätern und Brüdern zu suchen. Nun müssen sie gemeinsam mit Schaulustigen und Journalisten hinter den Schutzzäunen warten. Hasan Öztan wartet hier auf Nachricht von seinem Sohn Talib, 28 Jahre alt, verheiratet, zwei kleine Kinder. Ratlos und verloren steht Öztan in seinem grauen, zerknitterten Anzug mit Hunderten anderen herum und wischt sich immer wieder verstohlen die Tränen aus den Augen. Informationen fließen nur spärlich, doch dass es keine Hoffnung mehr gibt, das wissen hier alle. Seit Mittwoch früh sind keine Kumpel mehr lebend geborgen worden, die offiziell bestätigte Zahl der Toten lag am Donnerstag Nachmittag bei 282, befürchtet wird, dass am Ende mehr als 500 Tote zu beklagen sein werden. In der provisorischen Leichenhalle im nahegelegenen Ort Kirkagac, eigentlich ein Kühllager für Melonen, ist kein Platz mehr. Die Toten werden auf Leichenhallen in den umliegenden Orten verteilt. Die Rufe des Muezzins in Soma, der – wie in türkischen Kleinstädten üblich – die Todesfälle und Beerdigungen verkündet, verstummen kaum mehr, bei jedem neuen Ruf werden viele Namen auf einmal genannt.

          Dass Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch versucht hat, die Katastrophe kleinzureden, haben die Menschen hier genau registriert. „Unsere jungen Männer riskieren ihr Leben im Kohlebergbau, weil es hier keine anderen Jobs gibt“, sagt Hasan Öztan. „Wenn Erdogan das so normal findet, warum schickt er dann nicht seinen eigenen Sohn in die Mine?“ Ein paar Umstehende pflichten ihm bei, doch es klingt hilflos und resigniert. Ein paar „Kinder“ hätten wohl gegen Erdogan protestiert, sagt eine Frau unter den Wartenden, ansonsten aber hätten die Menschen hier gerade andere Sorgen.

          Bild: F.A.Z.ff

          Auf einem Hügel abseits des Zufahrtsweges zur Grube sitzt eine ältere Frau mit versteinertem Gesicht. Sevim Coskun wartet hier schon den dritten Tag in Folge auf Nachricht von ihrem Sohn Ismail, 28, der zum Zeitpunkt des Unglücks unter Tage war. Ihre Nichte Nurhayat sitzt neben ihr. „Eigentlich soll man die Hoffnung ja nicht aufgeben“, sagt sie leise. „Aber wir warten jetzt nur noch auf seine Leiche.“ Dass in den vergangenen Stunden keine neuen Toten mehr geborgen wurden, schiebt sie auf den angekündigten Besuch von Präsident Gül. Sie habe gehört, dass die Bergungsarbeiten ausgesetzt würden, damit der Präsident bei seiner Rede nicht von Leichentransporten gestört werde, sagt sie.

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