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Großbritannien : Zurück in die Achtziger?

Jeremy Corbyn Bild: dpa

Sollte der Altlinke Jeremy Corbyn zum Labour-Chef gewählt werden, könnte den Tories das Lachen noch vergehen. Er zieht Leute an, die sich vom kalten britischen Kapitalismus abgehängt fühlen.

          Zu Beginn der Sommerpause war es noch ein unterhaltsames Gedankenspiel: Stell dir vor, der Labour Party scheint die Sonne zu arg auf den Kopf und sie wählt sich einen Szene-Linken an die Spitze, einen Aktivisten, der sich auf Ostermärschen wohler fühlt als im Regierungssessel. Mittlerweile ist (zumindest) den Granden der Labour Party das Lachen vergangen. Nach Wochen parteiinternen Werbens scheint den Außenseiter Jeremy Corbyn niemand mehr stoppen zu können. Wenn die Umfragen nicht irren, wird der Hinterbänkler, der bis vor kurzem nicht einmal politisch Interessierten bekannt war, am 12. September zum Chef der britischen Traditionspartei ausgerufen werden.

          Manche führen das Phänomen Corbyn auf das neue Urwahlverfahren der Partei zurück. Es lädt jeden ein, für drei Pfund Sterling „registrierter Anhänger“ und damit wahlberechtigt zu werden. Unter den vierhunderttausend neuen „Anhängern“, die die zweihunderttausend Traditionsmitglieder nun fast unter sich begraben, unterstützt kaum jemand einen der drei blassen Mainstream-Kandidaten Burnham, Cooper oder Kendall. Treibende Kraft hinter der Eintrittswelle ist die vor allem von der Jugend getragene „Corbynmania“.

          Am Dienstag vor King’s Cross in London: Der Kandidat spricht zu Reportern.

          Das spontihafte Registrierungsverfahren spielt dem Außenseiter und seiner protestaffinen Gefolgschaft in die Hände, aber vollständig lässt sich der „Entryism“ damit nicht erklären. Etwas muss sich aufgestaut haben im Vereinigten Königreich. Aus Sicht des Corbyn-Lagers ist der Massenzulauf Ausdruck einer breiten Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen, welche der Wahlsieg der Tories nur übertüncht habe.

          Viele machen sich über Corbyns Programm lustig, das die Insel „zurück in die 80er“ katapultieren würde, also in das Jahrzehnt, in dem Margaret Thatcher eine der Wirklichkeit entrückte Labour Party für eine gefühlte Ewigkeit von der Macht ferngehalten hat. Aber Corbyns Ruf nach einem Ende des Sparens und nach einer Investitionsoffensive des Staates klingt, etwa im Blick auf die Stimmungen in Südeuropa, gar nicht so irrational. Selbst seine Forderungen nach Wiederverstaatlichung der Energie- und Transportwirtschaft oder nach einer Ausdehnung des Wohlfahrtsstaates treffen einen Nerv. Corbyn zieht Leute an, die sich vom kälter gewordenen britischen Kapitalismus abgehängt fühlen und, zu einem gewissen Grad, nach zwei als erfolglos empfundenen Kriegen in Afghanistan und im Irak die Gestaltung der Weltpolitik anderen überlassen wollen.

          Die Wirtschaft erholt sich, das Haushaltsdefizit schrumpft, aber die Kosten dafür empfinden viele als schmerzhaft. Cameron und Schatzkanzler Osborne schneiden den Sozialstaat drastisch zurück. Zugleich sind Mieten und Immobilienpreise, Kinderbetreuungs- und Ausbildungskosten so hoch, dass junge Leute sich fragen, ob nur noch die Elite ein würdiges Leben im Königreich führen könne.

          Es hilft dem Hoffnungsträger, dass er als Antipode zu den „Toffs“ in Westminister wahrgenommen wird, als Verkörperung des unbeugsamen Überzeugungspolitikers - eine Rolle, die er seit mehr als drei Jahrzehnten spielen darf, weil ihn Ämter und Verantwortung nie interessierten. Nichts Besseres konnte ihm widerfahren als die Verurteilung durch Tony Blair, der vor einem „Ausradieren“ der Labour Party warnte, sollte Corbyn siegen. Der frühere Premierminister ist zum ultimativen Feindbild einer Partei geworden, die insgesamt nach links rückt.

          Die Waffen erweisen sich als stumpf

          Drohungen aus der Fraktion, man würde einen Vorsitzenden Corbyn sogleich wieder stürzen, sind nicht allzu ernst zu nehmen. Wer aus einer Urwahl hervorgeht, ist erst einmal unantastbar. Denkbar sind Aus- und Übertritte; manche befürchten eine Abspaltung, wie sie die Partei schon einmal, 1981, erlebte. Turbulent könnte es für die Labour Party also werden - aber hoffnungslos? Es stimmt, ins konservativ-bürgerliche Milieu wird der britische Tsipras kaum einbrechen. Aber das muss er auch nicht. Mit Bedacht setzte Corbyn seinen Kampagne-Schwerpunkt in Schottland, wo die linkspopulistischen Nationalisten von der SNP Labour fast alle Unterhaussitze abgenommen haben. Nicht nur in Schottland lassen sich für eine Corbyn-Partei Sympathien zurückgewinnen, sondern auch im Norden Englands, wo die rechtspopulistische Ukip zur ersten Wahl für die Verächter des Londoner „Establishment“ geworden ist.

          Den Tories könnte das Feixen noch vergehen. Die Waffen, die gegen den unsicheren, in die Mitte schielenden Miliband wirkten, drohen sich gegen einen selbstgewissen, im Lagerdenken verwurzelten Linken als stumpf zu erweisen: Corbyn ist es egal, wenn er als Gefahr für Staat und Wirtschaft porträtiert wird. Er würde wohl nicht einmal zögern, eine Koalition mit der SNP zu propagieren - eine Regierungskonstellation, der zurzeit nur zwölf Abgeordnete fehlen. Brächte Corbyn die erste linkspopulistische Regierung in einem großen EU-Land an die Macht, könnte das Jahr 2020 sogar in die Geschichte eingehen - wie 1979, als Thatcher den Startschuss für den europäischen Neoliberalismus gab, oder 1997, als Blair die europäische Sozialdemokratie mit der „shareholder“-Wirtschaft zu versöhnen begann.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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